Auswandern nach Teneriffa: Leben und Arbeiten auf den Kanaren

Ganz ehrlich? Wer nach Teneriffa auswandert, weil er dort mal zwei Wochen all-inclusive in Costa Adeje am Pool lag und das Wetter so toll fand, wird wahrscheinlich nach sechs Monaten entnervt wieder im Flieger zurück nach Deutschland sitzen. Das klingt hart, aber ich habe es über die Jahre auf unserem Portal und vor Ort oft genug gesehen.

Teneriffa ist ein Paradies, keine Frage. Aber der Alltag hier hat mit dem Urlaubsmodus ungefähr so viel zu tun wie ein Döner in Berlin mit einem entspannten Abendessen in Istanbul. Wir kennen die Insel in- und auswendig – von den luxuriösesten Ferienvillen, die wir vermitteln, bis hin zu den Tücken beim Hauskauf, bei dem wir schon so manchen Kunden vor einem Fehlgriff bewahrt haben. Wenn Sie also wirklich die Koffer packen wollen, vergessen Sie für einen Moment die Postkarten-Romantik. Hier kommt die Realität, ungeschönt und direkt von der Insel.

Der Behördenkram: Geduld ist keine Tugend, sondern Überlebensstrategie

In Deutschland beschweren wir uns gerne über Bürokratie. Aber Spanien – und speziell die Kanaren – spielen da in einer ganz eigenen Liga. Das erste, was Sie lernen müssen: „Mañana“ heißt nicht „morgen“. Es heißt einfach nur „nicht jetzt“. Vielleicht übermorgen, vielleicht nächste Woche, vielleicht nie.

Bevor Sie auch nur daran denken, einen Internetanschluss zu bestellen oder ein Auto zu kaufen, brauchen Sie die berüchtigte N.I.E. (Número de Identidad de Extranjero). Ohne diese Nummer existieren Sie hier quasi nicht.

So läuft das Spiel mit der NIE wirklich:

  • Sie brauchen einen Termin („Cita Previa“). Das Problem? Oft sind die Termine morgens um 8:00 Uhr freigeschaltet und um 8:02 Uhr für die nächsten drei Monate ausgebucht. Viele nutzen inzwischen Gestorías (Dienstleister), die das gegen Gebühr (meist 50 bis 100 Euro) erledigen. Mein Rat: Investieren Sie das Geld. Es spart Ihnen Stunden an Lebenszeit und graue Haare.
  • Auf dem Amt („Extranjería“) in Santa Cruz oder im Süden bei der Polizei spricht kaum jemand Englisch oder Deutsch. Wenn Ihr Spanisch noch aus „Una Cerveza, por favor“ besteht, nehmen Sie jemanden mit, der übersetzen kann.
  • Das Formular EX-15 muss perfekt ausgefüllt sein. Ein falsches Kreuzchen, und Sie dürfen wieder gehen. Kein Witz.

Später kommt dann die „Residencia“ (grünes Kärtchen) dazu, wenn Sie länger als drei Monate bleiben. Dafür müssen Sie nachweisen, dass Sie dem spanischen Sozialstaat nicht auf der Tasche liegen – sprich: genügend Einkommen und eine Krankenversicherung vorweisen. Keine halben Sachen hier: Die Behörden schauen inzwischen sehr genau hin.

Wohnen: Norden, Süden oder irgendwo dazwischen?

Das ist die Gretchenfrage. Durch unsere Arbeit im Bereich Immobilienverkauf und Langzeitmiete wissen wir, wie extrem die Unterschiede sind. Teneriffa ist wie ein Minikontinent.

Der Süden (Los Cristianos, Las Américas, Costa Adeje) ist sonnensicher, trocken und… teuer. Und touristisch. Wer deutsche Brötchen und englische Pubs braucht, ist hier richtig. Aber die Mieten haben angezogen. Für ein vernünftiges Apartment mit einem Schlafzimmer blättern Sie schnell mal 800 bis 1.000 Euro hin – plus Wasser und Strom („Luz und Agua“).

Der Norden (Puerto de la Cruz, La Orotava) ist grün, urig und „kanarischer“. Hier wohnen auch die Einheimischen. Die Kehrseite? Es regnet öfter. Und im Winter kann es in La Orotava abends so frisch werden, dass man tatsächlich eine Heizung vermisst (die die meisten Häuser gar nicht haben). Dafür bekommen Sie hier oft mehr Quadratmeter für Ihr Geld.

Mieten vs. Kaufen – Ein Wort der Warnung

Viele Auswanderer machen den Fehler und kaufen sofort. „Die Zinsen sind niedrig, das Wetter ist toll!“ – Vorsicht. Kaufen Sie erst, wenn Sie mindestens ein Jahr in einer Region zur Miete gewohnt haben. Lernen Sie die Mikroklimata kennen. Eine Straße weiter oben am Hang kann bedeuten, dass Sie im Winter jeden Tag in den Wolken hängen („Panza de Burro“), während der Nachbar 200 Meter weiter unten Sonne hat.

Wenn Sie sich später doch für Eigentum entscheiden, schauen Sie gern in unsere aktuellen Immobilienangebote. Aber bitte erst, wenn Sie sicher sind, wo Sie hingehören.

Arbeiten auf der Insel: Tourismus ist Segen und Fluch

Wovon wollen Sie leben? Wenn Sie nicht gerade eine fette Rente mitbringen oder als Digital Nomad Ihr Geld online in Deutschland verdienen, wird es sportlich.

Der Arbeitsmarkt auf Teneriffa ist extrem abhängig vom Tourismus. Hotels, Gastro, Yachtcharter und Bootsverleih – das sind die Motoren. Aber die Löhne sind für deutsche Verhältnisse niedrig. Ein Kellner oder eine Rezeptionistin geht oft mit 1.100 bis 1.300 Euro netto nach Hause. Bei den aktuellen Mieten bleibt da nicht viel übrig.

Option „Autónomo“ (Selbstständig):
Viele versuchen es auf eigene Faust. Handwerker werden gesucht wie Goldstaub – wenn Sie zuverlässig sind, pünktlich kommen und saubere Arbeit abliefern (was hier leider keine Selbstverständlichkeit ist), haben Sie die Auftragsbücher schnell voll.
Aber Achtung: Die Sozialabgaben für Selbstständige („Cuota de autónomos“) sind happig. Sie zahlen jeden Monat einen fixen Betrag an die Sozialversicherung, egal ob Sie Umsatz gemacht haben oder nicht. Das geht bei ca. 80 Euro los (für Neustarter im ersten Jahr), schnellt aber später auf knapp 300 Euro oder mehr hoch, je nach Einstufung.

Wenn Sie ortsunabhängig arbeiten können, ist Teneriffa allerdings ein Traum. Glasfaser-Internet ist in den meisten Orten mittlerweile Standard, oft sogar schneller als in vielen Ecken Deutschlands. Co-Working-Spaces sprießen in Santa Cruz und im Süden wie Pilze aus dem Boden.

Lebenshaltungskosten: Der „Billig-Mythos“ bröckelt

Früher hieß es: „Auf den Kanaren ist alles billiger!“ Das stimmt so pauschal nicht mehr. Ja, die Mehrwertsteuer (IGIC) liegt nur bei 7% (Standart-Satz), im Gegensatz zu den 19% in Deutschland. Das merkt man bei Parfüm, Alkohol, Zigaretten und Benzin (immer noch deutlich günstiger als auf dem Festland).

Aber der Supermarkt? Ein Einkaufswagen voll Lebensmittel bei Mercadona oder HiperDino kostet inzwischen fast so viel wie bei Aldi oder Lidl in Deutschland. Frische Produkte, die importiert werden müssen, sind teuer. Milchprodukte? Teurer. Fleisch? Kommt drauf an.

Wo Sie wirklich sparen:

  • Grundsteuern (IBI): Ein Witz im Vergleich zu Deutschland. Für eine normale Wohnung zahlen Sie oft nur 200-300 Euro im Jahr.
  • Ausgehen: Ein „Barraquito“ (die lokale Kaffeespezialität) kostet oft unter 2 Euro. Ein Bier am Kiosk ebenso. Essen gehen in einer „Guachinche“ (traditionelle Bauernstuben im Norden) ist unschlagbar günstig und lecker.
  • Heizkosten: Fallen weg oder sind minimal. Dafür laufen im Sommer die Klimaanlagen, und Strom ist in Spanien nicht billig.

Auto, Möbel, Haustiere: Was nehme ich mit?

Ich werde oft gefragt: „Soll ich mein Auto mitbringen?“ Meine kurze Antwort: Nein. Die lange Antwort: Der Import eines Fahrzeugs als Umzugsgut ist ein bürokratischer Albtraum. Sie müssen nachweisen, dass das Auto Ihnen seit mindestens 6 Monaten gehört, Sie müssen sich in Deutschland abmelden, hier anmelden, zum TÜV (ITV), Importsteuern klären… der Papierkrieg lohnt sich für einen normalen Golf einfach nicht. Verkaufen Sie die Karre in Deutschland und kaufen Sie hier einen Gebrauchten. Ja, Gebrauchte sind hier teurer und haben mehr Beulen (spanische Parkmethode: Kontaktparken), aber Sie sparen sich Nervenzusammenbrüche.

Möbel? Nur wenn es Erbstücke sind, an denen Ihr Herz hängt. Der Transport im Container ist teuer geworden. IKEA gibt es auch auf Teneriffa, dazu viele Möbelhäuser. Und mal ehrlich: Die schwere deutsche Eichenschrankwand passt auch optisch nicht in ein luftiges kanarisches Apartment.

Haustiere sind unkomplizierter. Chip, Tollwutimpfung, EU-Heimtierausweis – fertig. Aber denken Sie daran: Es kann schwierig sein, eine Mietwohnung mit Hund zu finden, besonders wenn er größer ist als eine Handtasche. Viele Vermieter stellen sich da quer.

Freizeit & Integration: Raus aus der Blase

Es ist verlockend, nur unter Deutschen zu bleiben. Es gibt deutsche Ärzte, deutsche Bäcker, deutsche Stammtische. Aber Sie verpassen das Beste. Die Canarios sind unglaublich herzlich, wenn man ihnen mit Respekt begegnet und nicht den „Besserwisser-Aleman“ raushängen lässt.

Lernen Sie Spanisch. Ernsthaft. Nicht nur für die Behörden. Sondern damit Sie beim Wandern im Anaga-Gebirge auch mal mit dem Ziegenhirten schnacken können oder auf dem Bauernmarkt in Tacoronte verstehen, was Ihnen die Oma da gerade andrehen will. Unser Portal bietet zwar geführte Touren in allen Sprachen an, aber das echte Leben findet auf Spanisch statt.

Nutzen Sie die Insel! Sie wohnen dort, wo andere Urlaub machen. Kaufen Sie sich ein Residenten-Ticket für die Fähren (75% Rabatt!) und hüpfen Sie am Wochenende mal rüber nach La Gomera oder Gran Canaria. Gehen Sie surfen, tauchen oder chartern Sie am Wochenende mal ein kleines Boot (schauen Sie dazu ruhig in unsere Verkaufs- und Chartersektion). Das Meer vor der Haustür zu haben und es nicht zu nutzen, ist fast schon kriminell.

Mein Fazit nach Jahren auf dem Felsen

Auswandern nach Teneriffa ist kein verlängerter Urlaub. Es ist Arbeit. Es ist manchmal frustrierend, wenn der Handwerker zum dritten Mal nicht kommt oder das Internet ausfällt, weil irgendwo ein Bagger ein Kabel gekappt hat.

Aber dann sitzen Sie abends mit einem Glas Wein auf Ihrer Terrasse, schauen auf den Atlantik, die Sonne versinkt rot hinter La Gomera, und Sie atmen diese salzige Luft ein. Die Hektik aus Deutschland ist 3.000 Kilometer weit weg. Und Sie wissen: Der ganze Stress hat sich gelohnt.

Wenn Sie den Schritt wagen wollen, stöbern Sie ruhig weiter auf unserer Seite. Egal ob Sie erst mal nur eine Unterkunft für die Erkundungstour suchen oder direkt nach Immobilien schauen – wir helfen gern, damit Ihr Traum nicht zum Albtraum wird.