Hand aufs Herz: Wer Teneriffa nur vom Liegestuhl am Strand oder durch die Windschutzscheibe eines Mietwagens kennt, hat eigentlich gar nichts gesehen. Die wahre Wucht dieser Insel – und ich meine das wörtlich – spürt man erst, wenn man draußen auf dem Atlantik ist. Yachtcharter auf den Kanaren ist aber keine Kaffeefahrt wie im Mittelmeer um Mallorca herum. Das hier ist offener Ozean. Hier gibt es Dünung, hier gibt es die berühmten Beschleunigungszonen zwischen den Inseln, und hier gibt es Wale, die größer sind als manches Charterboot.
Wir vermitteln seit Jahren Boote und Yachten auf den Kanaren und ich habe schon so ziemlich alles erlebt: Von Crews, die völlig euphorisch nach einer Woche zurückkamen, bis zu solchen, die das Boot nach zwei Tagen am liebsten im Hafen gelassen hätten, weil sie den Passatwind unterschätzt haben. Deshalb machen wir hier mal keine glattgebügelte Werbebroschüre auf, sondern schauen uns an, was Segeln und Bootfahren auf Teneriffa wirklich bedeutet.
Der Faktor Atlantik: Warum Teneriffa anders ist
Viele Segler kommen mit Kroatien- oder Griechenland-Erfahrung hierher und denken: „Ach, Wind ist Wind.“ Großer Irrtum. Die Kanaren liegen im Einzugsbereich des Nordost-Passats. Das ist kein laues Lüftchen, das mal kommt und mal geht. Das ist der Motor des Atlantiks. Besonders im Sommer bläst er beständig.
Aber – und das ist das Spannende beim Yachtcharter hier – Teneriffa hat einen gigantischen Windbrecher: den Teide. Dieser 3718 Meter hohe Berg sorgt dafür, dass wir im Süden und Südwesten der Insel oft eine fast unheimliche Windstille haben, während nordöstlich davon die Post abgeht.
Für Sie als Charterer bedeutet das: Sie können sich aussuchen, wie wild Sie es treiben wollen.
- Wer entspanntes Familiensegeln oder gemütliches Motorbootfahren sucht, bleibt im Windschatten (Lee) der Insel. Zwischen Los Cristianos und Los Gigantes ist das Wasser oft spiegelglatt, obwohl fünf Meilen weiter draußen die Schaumkronen tanzen.
- Sobald Sie die Nase des Bootes aus dem Windschatten stecken – Richtung La Gomera oder rauf zur Nordspitze – treffen Sie auf die sogenannten „Acceleration Zones“ (Düsen). Hier presst sich der Wind zwischen den Inseln durch. Ich habe oft erlebt, wie der Windmesser innerhalb von zehn Minuten von 15 auf 30 Knoten sprang. Das muss man mögen und können.
- Die Dünung läuft hier lang. Anders als die kurze, hackige Welle im Mittelmeer, haben wir auf dem Atlantik oft eine langgezogene Dünung von zwei, drei Metern, die man auf einem Katamaran kaum merkt, die auf einer Einrumpfyacht aber für ordentlich Bewegung sorgt.
Bootstypen: Was passt zu wem?
Die Auswahl in den Häfen ist riesig, aber nicht jedes Boot passt zu jedem Plan. In den letzten Jahren hat sich der Markt stark verändert. Früher dominierten alte, robuste Einrümpfer. Heute wollen alle Platz und Komfort.
Katamaran – Die schwimmende Ferienwohnung
Seien wir ehrlich: Wenn Sie mit zwei Familien oder einer Gruppe von Nicht-Seglern unterwegs sind, führt am Katamaran kaum ein Weg vorbei. Modelle wie die Lagoon 400 oder Bali 4.1 sind hier die Platzhirsche. Der größte Vorteil auf den Kanaren ist gar nicht mal der Platz, sondern die Stabilität. Wenn Sie vor Los Gigantes vor Anker liegen (einer der spektakulärsten Plätze überhaupt), schaukelt der Katamaran kaum, auch wenn mal ein Ausflugsboot Wellen macht. Der Nachteil? Die Liegeplatzgebühren sind in Häfen wie Puerto Colón oder Marina del Sur oft 50 bis 80 Prozent höher als für Monohulls. Und beim Kreuzen gegen den Passatwind brauchen Sie Geduld – oder den Dieselmotor.
Monohull – Für die Puristen
Wer das Segeln spüren will, wer Feedback am Ruder braucht, der mietet eine Einrumpfyacht. Eine Bavaria C45 oder eine Beneteau Oceanis schneidet durch die Atlantikwelle, statt drüber zu hoppeln. Gerade wenn Sie den Sprung rüber nach La Gomera wagen wollen (was ich absolut empfehle), macht das auf einem gut getrimmten Monohull einfach mehr Spaß. Man ist „verbundener“ mit dem Element Wasser. Aber warnen Sie ihre Crew: Schräglage ist hier garantiert.
Motorboot & Ribs
Für Tagestrips sind das die Klassiker. Oft mieten Leute hier nur für einen Tag ein Boot, um Wale zu gucken (dazu gleich mehr). Rechnen Sie aber mit ordentlichen Spritkosten. Der Atlantik hat Strömung, und gegenan zu fahren frisst Diesel.
Die Häfen: Wo startet man am besten?
Die Wahl des Starthafens entscheidet oft über den Charakter des Törns. Teneriffa hat mehrere Marinas, die völlig unterschiedlich ticken.
Marina del Sur (Las Galletas): Ein sympathischer, aber manchmal etwas unruhiger Hafen ganz im Süden. Hier liegen viele Charterfirmen. Der Vorteil ist die unmittelbare Nähe zum Flughafen Teneriffa Süd – Sie sind in 15 Minuten da. Aber aufgepasst bei der Ausfahrt: Hier kann bei Südwind Schwell in die Einfahrt stehen.
Puerto Colón (Costa Adeje): Das touristische Herz. Hier ist immer was los, Jet-Skis, Ausflugsboote, Musik. Perfekt, wenn Sie abends noch ins Restaurant oder eine Bar wollen. Logistisch super einfach, da Supermärkte in der Nähe sind, aber Ruhe finden Sie hier eher nicht.
Radazul (bei Santa Cruz): Ein Geheimtipp für sportliche Segler. Der Hafen liegt weiter nördlich. Wenn Sie hier rausfahren, sind Sie fast sofort im Wind. Wer Meilen machen will und Richtung Gran Canaria schielt, startet hier. Die Infrastruktur ist gut, aber das touristische „Chichi“ fehlt – was ich persönlich sehr angenehm finde.
Marina San Miguel: Liegt zwischen Flughafen und den touristischen Zentren. Viele Golfplätze drumherum. Ein sehr sicherer Hafen, gut geschützt, ideal als Basis für den ersten und letzten Tag.
Bareboat vs. Skippered: Eine Frage der Verantwortung
In Deutschland braucht man Scheine, in Spanien braucht man Scheine – aber die Praxis sieht anders aus. Rein rechtlich benötigen Sie für fast alles, was einen Motor hat und größer als eine Badewanne ist, den Sportbootführerschein See (SBF See) oder vergleichbare internationale Lizenzen (ICC).
Beim Bareboat-Charter (Sie sind der Kapitän) schauen die Vercharterer hier mittlerweile sehr genau hin. Nicht nur auf den Schein. Beim Check-in wird oft ein bisschen „Smalltalk“ geführt, um zu sehen, ob Sie wirklich wissen, was eine Springleine ist oder wie man den Fäkalientank entleert. Mein Rat: Seien Sie ehrlich bezüglich Ihrer Erfahrung. Es ist keine Schande, für den ersten Tag einen Skipper dazu zu buchen, der einem die Eigenheiten des Reviers und des Bootes zeigt. Der Atlantik verzeiht weniger Fehler als die Müritz.
Skippered Charter ist auf Teneriffa riesig. Viele unserer Kunden wollen einfach keinen Stress. Sie mieten das Boot inklusive Kapitän. Der Vorteil? Der Skipper kennt die geheimen Buchten bei Masca, wo nicht schon zehn andere Boote liegen. Er weiß genau, wann die Pilotwale wo auftauchen. Und er kocht oft auch noch verdammt guten Kaffee, während Sie vorne im Netz liegen.
Wale, Delfine und das Gesetz
Das hier ist ein heikles Thema, bei dem ich wirklich ernst werde. Der Streifen Wasser zwischen Teneriffa und La Gomera ist eines der besten Reviere der Welt, um Grindwale (Pilotwale) und Delfine zu sehen. Sie sind eigentlich immer da.
Aber: Es ist kein Zoo.
Die spanischen Behörden verstehen da mittlerweile (zum Glück) keinen Spaß mehr. Es gibt strenge Regeln für die Annäherung:
- Fahren Sie niemals direkt auf die Tiere zu, sondern halten Sie parallel Kurs.
- Wenn Sie innerhalb der „Zone der speziellen Konservierung“ (ZEC) unterwegs sind, gelten Tempolimits.
- Nicht füttern, nicht baden, wenn Wale da sind. Klingt logisch, habe ich aber alles schon gesehen.
- Blaue Flagge: Achten Sie auf Boote mit der „Barco Azul“-Flagge. Das sind lizenzierte Walbeobachter. Wenn die stehenbleiben, lohnt es sich, Ausschau zu halten – aber halten Sie Abstand. In der Nähe der Tiere (unter 60 Meter) darf oft nur ein Boot sein. Warten Sie, bis Sie dran sind.
Es ist ein magischer Moment, wenn ein sechs Meter langer Grindwal friedlich neben Ihrem Charterboot auftaucht. Ruinieren Sie diesen Moment nicht durch Hektik oder Motorlärm.
Kostenfalle oder faires Angebot?
Yachtcharter ist nicht billig, aber auf den Kanaren oft günstiger als auf den Balearen im Hochsommer. Was viele jedoch vergessen, sind die Nebenkosten vor Ort. Der Charterpreis ist das eine. Dazu kommt fast immer das „Transit Log“ oder die Endreinigung. Wir reden hier von 150 bis 250 Euro, die bar oder per Karte am Steg fällig werden.
Dann die Kaution. Bei einer 45-Fuß-Yacht sind schnell mal 2.500 bis 3.000 Euro auf der Kreditkarte geblockt. Stellen Sie sicher, dass Ihr Limit das hergibt – nichts ist peinlicher, als wenn beim Check-in die Karte streikt, weil der Mietwagenverleih auch schon 1.000 Euro geblockt hat.
Ein Wort zum Diesel: Wenn Sie kaum segeln und viel motoren (was bei Flauten im Südwesten passieren kann), schluckt so ein Katamaran mit zwei Motoren ordentlich was weg. Rechnen Sie das vorher durch, wenn Sie mit der Crew die Bordkasse planen.
Reisezeit: Wann soll ich buchen?
Das Schöne an Teneriffa? Wir haben keine echte „Off-Season“. Sie können im Januar bei 22 Grad segeln, wenn in Hamburg Schneeregen fällt. Tatsächlich ist der Winter hier Hochsaison für Segler. Viele Yachten kommen im Herbst vom Mittelmeer rüber (Atlantic Rally for Cruisers etc.) und bleiben den Winter über hier.
Im Sommer (Juli/August) kann es heiß werden, aber auf dem Wasser ist das erträglich. Einziger Haken im Sommer: Der Passatwind dreht dann oft richtig auf. Für sportliche Segler ein Traum, für Anfänger manchmal etwas ruppig.
Mein persönlicher Favorit? Der Oktober oder November. Das Wasser ist noch warm vom Sommer, die Winde sind oft etwas moderater, und die Häfen sind nicht ganz so überlaufen.
Fazit aus der Praxis
Ein Boot auf Teneriffa zu mieten, öffnet eine Tür zu einer Insel, die den meisten Touristen verborgen bleibt. Der Blick vom Wasser auf die Steilküste von Los Gigantes, das Ankern in der Bucht von Masca, wenn die Tagestouristen weg sind, oder der Sternenhimmel auf der Überfahrt nach La Gomera – das sind Erinnerungen, die bleiben.
Aber gehen Sie es mit Respekt an. Respekt vor dem Atlantik, Respekt vor der Technik und Respekt vor der Natur. Wenn Sie das beherzigen, wird es der beste Urlaub Ihres Lebens.
