tmpzcl61 yk

Wandern auf Teneriffa: Die schönsten Routen im Teide Nationalpark

Ich erinnere mich noch genau, als ich das erste Mal die Wolkendecke durchbrach. Man fährt an der Küste los, vielleicht bei 25 Grad im T-Shirt, kurvt sich durch die Kiefernwälder hoch und plötzlich – auf etwa 2.000 Metern – ändert sich alles. Die Luft wird dünner, knochentrocken und der Himmel nimmt ein Blau an, das fast unwirklich wirkt.

Willkommen im Wohnzimmer des Teide.

Viele halten Teneriffa für eine reine Badeinsel mit ein paar netten Hotels im Süden. Aber wer den Teide Nationalpark (Parque Nacional del Teide) nur aus dem Busfenster bei einer Inselrundfahrt sieht, verpasst das eigentliche Herzstück. Hier oben herrscht Mars-Atmosphäre. Stille, die in den Ohren dröhnt, und Gesteinsformationen, die so bizarr sind, dass Hollywood hier regelmäßig Sci-Fi-Blockbuster dreht.

Ich habe in den letzten Jahren unzählige Schuhe auf dem scharfen Lavagestein ruiniert und möchte euch hier nicht einfach die „Top 10 Listen“ runterbeten, die ihr überall findet. Stattdessen schauen wir uns an, welche Routen sich wirklich lohnen, wo ihr den Touristenbussen entkommt und worauf ihr euch einlasst.

Bevor wir loslaufen: Ein Realitätscheck

Es klingt banal, aber ich sehe es jedes Wochenende: Leute, die in Sandalen und Tanktop aus dem Mietwagen klettern, um „kurz mal zum Vulkan zu laufen“.

Der Nationalpark liegt im Schnitt auf über 2.000 Metern Höhe. Das Wetter hier oben ist eine Diva. Sonne bedeutet UV-Strahlung, die euch in 20 Minuten verbrennt (die Atmosphäre filtert hier kaum noch). Schatten oder Wind bedeuten oft, dass ihr sofort eine Jacke braucht. Im Winter liegt hier Schnee, während unten in Costa Adeje die Leute baden.

Also, Grundregel Nummer eins: Zwiebelprinzip. Und Wasser. Mehr als ihr denkt. Es gibt hier oben keine Kioske am Wegesrand.

Die Klassiker und die Geheimtipps

Der Park ist riesig, aber die meisten Menschen knubbeln sich an zwei, drei Orten. Wenn ihr wirklich wandern wollt, müsst ihr wissen, wohin.

1. Roques de García – Der trügerische Spaziergang

Jeder kennt das Foto: Der „Dedo de Dios“ (Finger Gottes), dieser seltsam geformte Fels, der aussieht, als würde er gleich umkippen, mit dem mächtigen Teide im Hintergrund. Das ist bei den Roques de García (Weg Nr. 3).

Hier ist der Haken: Die meisten Touristen laufen nur die ersten 300 Meter bis zum Aussichtspunkt, machen ihr Selfie und drehen um. Der eigentliche Rundweg ist aber viel spannender und führt euch hinab in die Ebene der Ucanca.

Was euch hier erwartet:

  • Die bizarre Felslandschaft „La Catedral“, ein versteinerter Schlot, der massive vertikale Risse hat. Sieht aus wie eine Kirchenorgel aus Stein.
  • Ein ziemlich knackiger Aufstieg am Ende. Viele unterschätzen das, weil der Anfang flach und gepflastert ist. Aber der Rückweg zum Parador-Hotel zieht sich steil nach oben.
  • Der Kontrast zwischen den rötlichen Felsen und dem blauen Himmel ist fototechnisch kaum zu schlagen.

Wenn ihr Ruhe wollt: Kommt vor 10:00 Uhr oder nach 16:00 Uhr. Dazwischen walzen die Reisebusse alles nieder.

2. Montaña Guajara – Der schönste Balkon der Insel

Wenn mich Freunde fragen, welche Tour sie machen sollen, wenn sie nicht auf den Teide-Gipfel selbst wollen (oder keine Genehmigung bekommen haben), schicke ich sie auf den Guajara.

Mit 2.718 Metern ist das der höchste Punkt des Kraterrandes. Der Witz ist: Von hier aus sieht der Teide mächtiger aus als wenn man draufsteht. Man hat den kompletten Vulkanriesen direkt vor der Nase.

Die Route startet meistens beim Parador Nacional. Es geht stetig bergauf, aber der Weg ist technisch nicht extrem schwer, nur anstrengend aufgrund der Höhe. Oben angekommen findet ihr Reste einer alten Sternwarte. Es ist oft windig da oben, also Mütze auf. Der Blick in die Caldera – diesen gigantischen Einsturzkrater – lässt einen wirklich spüren, welche gewaltigen Kräfte hier am Werk waren.

3. Der Teide-Aufstieg – Montaña Blanca

Okay, reden wir über den Elefanten im Raum: Den Gipfelsturm. Es gibt im Grunde zwei Arten, auf den Teide zu kommen – die „Cheater-Methode“ (Seilbahn) und die „Echte“ (zu Fuß).

Der Wanderweg startet am Parkplatz Montaña Blanca. Die ersten Kilometer sind frustrierend einfach. Breite Piste, Bimsstein-Felder, man kommt schnell voran. Man nennt das hier „Huevos del Teide“ (Teide-Eier) – riesige schwarze Lavakugeln, die beim Ausbruch wie Schneebälle den Hang heruntergerollt sind. Ziemlich cool.

Aber dann kommt der steile Teil. Ab dem alten Refugio wird der Weg enger und die Luft spürbar knapper. Ihr schraubt euch hoch bis zur Bergstation der Seilbahn auf 3.555 Metern.

Hier wird es bürokratisch:

Für die letzten 163 Höhenmeter zum absoluten Gipfel braucht ihr eine Genehmigung (Permiso). Die ist kostenlos, aber oft schon 2-3 Monate im Voraus ausgebucht. Ohne den Zettel (und Pass!) lassen euch die Ranger am Tor bei der Seilbahnstation nicht durch. Keine Diskussion, keine Ausnahmen. Ich habe schon gestandene Männer betteln sehen – bringt nichts.

Mein Tipp: Wer im „Refugio de Altavista“ übernachtet (sofern es geöffnet hat, checkt unbedingt den aktuellen Status, da es oft wegen Renovierung geschlossen ist), darf früh morgens vor 9 Uhr auf den Gipfel, um den Sonnenaufgang zu sehen, ohne extra Genehmigung. Das ist das Erlebnis schlechthin. Der dreieckige Schatten des Teide, der sich bei Sonnenaufgang über das Meer bis nach La Gomera oder Gran Canaria wirft, ist Gänsehaut pur.

4. Samara – Vulkanismus für Genusswanderer

Weg Nr. 13. Den haben viele gar nicht auf dem Schirm, weil er am westlichen Rand des Parks liegt, in Richtung Chío.

Ich liebe diese Ecke. Warum? Weil die Landschaft hier völlig anders ist. Statt rotem Fels und hellem Bimsstein dominiert hier tiefschwarze Lapilli (Vulkanasche). Dazu kommen leuchtend grüne kanarische Kiefern, die einen irren Kontrast bilden.

Ihr lauft nicht auf den Teide, sondern auf den kleineren Vulkankegel Samara. Es knirscht bei jedem Schritt. Der Aufstieg ist kurz und auch für Familien machbar, die ein bisschen trittsicher sind. Von oben sieht man oft über das Wolkenmeer hinüber zu den Nachbarinseln La Gomera und La Palma.

Das ist die perfekte „Sunset-Tour“. Wenn die Sonne untergeht, leuchten die Kiefern fast neongrün gegen den schwarzen Sand. Unschlagbar.

Wann ist eigentlich die beste Zeit?

Teneriffa wird ja als „Insel des ewigen Frühlings“ verkauft. Im Teide Nationalpark gilt das nur bedingt.

Im Winter kann es schneien. Und wenn es schneit, werden die Zufahrtsstraßen gesperrt. Dann geht gar nichts mehr. Rutschiges Eis auf Lava ist auch kein Spaß.

Im Hochsommer (Juli/August) ist es heiß. Zwar sind es oben oft „nur“ 25 Grad, während es an der Küste 30 sind, aber die Sonne brutzelt gnadenlos. Es gibt keinen Schatten. Null. Ihr seid wie Ameisen auf einer Grillplatte.

Die magische Zeit ist für mich der Mai. Warum? Wegen der Tajinasten.

Das ist der Rote Natternkopf, eine endemische Pflanze, die bis zu zwei, drei Meter hoch wird und rot blüht. Tausende kleine rote Blüten an einer riesigen Kerze. In dieser Zeit sieht die Ebene vor dem Teide aus wie ein impressionistisches Gemälde. Bienen summen, alles blüht, und die Temperaturen sind perfekt zum Wandern.

Ein Wort zur Ausrüstung

Ihr braucht keine Himalaya-Expeditionsausrüstung, aber lasst die City-Schuhe im Hotel.

  • Lavagestein frisst Schuhsohlen zum Frühstück. Weiche Turnschuhe sind danach oft reif für die Tonne. Eine harte Sohle hilft auch gegen das spitze Durchdrücken der Steine.
  • Sonnencreme LSF 50. Nicht 30. 50. Ohren und Nacken nicht vergessen.
  • Eine Windjacke ist Gold wert. Selbst an heißen Tagen pfeift der Wind oben am Grat oft kalt.
  • Lippenbalsam. Die Luftfeuchtigkeit sinkt hier oben oft unter 10%. Eure Lippen sind nach zwei Stunden spröde wie altes Pergament, wenn ihr nichts macht.

Fazit: Respekt vor dem Berg

Der Teide Nationalpark ist kein Freizeitpark, auch wenn die Seilbahn und die Cafeteria das manchmal suggerieren. Es ist alpines Gelände mitten im Atlantik.

Ich habe auf diesen Routen Momente erlebt, die ich nie vergessen werde. Etwa, als plötzlich Nebelschwaden mit 50 km/h über den Sattel zogen und die Sicht auf null reduzierten. Oder als ich ganz allein in der Ebene „Siete Cañadas“ stand und absolut nichts hörte – keine Autos, keine Vögel, keinen Wind. Nur meinen eigenen Herzschlag.

Sucht euch eine Route aus, die zu eurer Fitness passt, und nicht die, die auf Instagram am besten aussieht. Den Teide genießt man am besten langsam. Und wenn ihr dann abends wieder an der Küste sitzt, mit einem Glas Wein und schweren Beinen, und hoch zum Gipfel schaut, wisst ihr: Ihr wart da oben. In einer anderen Welt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert