Ganz ehrlich: Wer glaubt, man kommt hier an, spaziert in das erstbeste Maklerbüro und unterschreibt eine Stunde später für ein günstiges Apartment mit Meerblick, der lebt noch im Jahr 2012. Der Mietmarkt auf Teneriffa hat sich gedreht – und zwar gewaltig.
Ich lebe seit Jahren hier. Ich habe gesehen, wie sich Puerto de la Cruz von einem Rentnerparadies zu einem Hotspot für Remote-Worker gewandelt hat und wie im Süden die Preise schneller klettern als ein Wanderer auf den Teide. Die Suche nach einer Langzeitmiete (auf Spanisch „Larga Temporada“) ist mittlerweile oft anstrengender als ein Jobinterview. Aber keine Panik. Es ist machbar. Man muss nur wissen, wie das Spiel hier läuft, welche Fallen in den Verträgen lauern und warum eine Wohnung ohne Heizung im Norden eine verdammt kalte Überraschung sein kann.
Der Realitätscheck: Was Sie für Ihr Geld bekommen
Fangen wir mit dem Elefanten im Raum an: den Kosten. Viele haben immer noch dieses Bild von den Kanaren als Billigparadies im Kopf. Vergessen Sie das besser, zumindest was die Mieten angeht. Seitdem die Urlaubsvermietung (Vivienda Vacacional) so extrem lukrativ geworden ist, ziehen viele Eigentümer ihre Objekte vom Langzeitmarkt ab. Das verknappt das Angebot, während halb Europa hier überwintern will.
Wenn Sie heute nach einem soliden 1-Schlafzimmer-Apartment suchen, sind das die groben Richtwerte, auf die Sie sich einstellen müssen (Stand heute, und glauben Sie mir, es wird nicht billiger):
- Im touristischen Süden (Costa Adeje, Los Cristianos) unter 900 Euro? Fast unmöglich, es sei denn, Sie akzeptieren „Innenhof-Blick“ (also Blick auf die Wand des Nachbarn) oder Studio-Größe.
- Santa Cruz und La Laguna sind mittlerweile auch teuer geworden, vor allem weil die Einheimischen dort leben wollen. Planen Sie mal locker 750 bis 850 Euro ein für etwas Vernünftiges.
- Der Norden, speziell Puerto de la Cruz, zieht preislich nach. Schnäppchen gibt es manchmal noch oben in den Bergen, aber dann brauchen Sie zwingend ein Auto.
Ein wichtiger Tipp vorab: Bevor Sie sich langfristig binden, mieten Sie sich erstmal für zwei, drei Wochen in einer Ferienwohnung ein. Schauen Sie sich unsere Auswahl an Ferienunterkünften auf Teneriffa an. Nichts ist schlimmer, als einen 12-Monats-Vertrag zu unterschreiben und in der ersten Nacht zu merken, dass die Bar unter Ihnen bis 3 Uhr morgens Karaoke anbietet. Testen Sie die Gegend.
Nord gegen Süd: Eine Frage der Philosophie (und des Wetters)
Das ist die ewige Diskussion auf der Insel. Ich habe Freunde, die schwören auf den Süden und bekommen Depressionen, wenn sie im Norden mal zwei Tage Wolken sehen. Und ich kenne Leute im Norden, die den Süden als „seelenlose Betonwüste“ bezeichnen.
Der Süden: Sonne satt, aber teurer Spaß
Wenn Sie Wärme garantieren wollen, müssen Sie in den Süden. Orte wie Las Américas, Costa Adeje oder auch das etwas entspanntere Palm-Mar bieten fast 360 Tage Sonne. Der Nachteil? Es ist laut, es ist voll, und Sie hören mehr Englisch und Deutsch als Spanisch. Außerdem sind die Immobilienpreise hier durch die Decke gegangen. Aber: Wenn Sie sonnenhungrig sind und Strandnähe brauchen, kommen Sie daran nicht vorbei.
Der Norden: Grün, authentisch, manchmal nass
Puerto de la Cruz, La Orotava, Los Realejos – hier schlägt das grüne Herz der Insel. Es ist alles etwas kanarischer, entspannter und günstiger. Aber hier gibt es die berühmte „Panza de Burro“ (Eselbauch) – eine Wolkendecke, die oft genau über dem Orotava-Tal hängt, während im Süden die Sonne knallt. Dafür sparen Sie bei der Miete oft 150 bis 200 Euro im Vergleich zum Süden. Und: Die Natur hier ist atemberaubend, perfekt wenn Sie unsere Wanderführer für Teneriffa nutzen wollen.
Der wilde Reiter: El Médano
Ein Sonderfall. El Médano ist das Surfer-Mekka. Coole Vibes, junges Publikum, viel Wind (wirklich viel Wind, unterschätzen Sie das nicht). Wenn Sie Sand in jeder Ritze nicht stört und Sie den Lärm des nahen Flughafens ausblenden können, ist das der coolste Ort zum Wohnen.
Die Hürdenlauf: Unterlagen und Voraussetzungen
Hier scheitern die meisten Neuankömmlinge. Ein spanischer Vermieter – oder eine Agentur – will Sicherheiten sehen. Und zwar nicht zu knapp. In Deutschland reicht oft die Schufa und ein Gehaltsnachweis. Hier ist das Misstrauen größer, weil das spanische Mietrecht Mieter sehr stark schützt und es schwer ist, jemanden wieder rauszubekommen, der nicht zahlt.
Das verlangen fast alle:
Die NIE-Nummer ist der heilige Gral. Ohne diese Ausländeridentifikationsnummer bekommen Sie oft nicht mal Internet, geschweige denn einen Mietvertrag. Kümmern Sie sich darum, bevor Sie ernsthaft suchen.
Dann der Solvenznachweis. Haben Sie einen spanischen Arbeitsvertrag („Nomina“)? Perfekt. Wenn nicht (was bei Rentnern oder Digital Nomads der Fall ist), wird es knifflig. Oft verlangen Vermieter dann höhere Kautionen oder sogar Vorauszahlungen von 3 bis 6 Monaten. Ich hatte mal einen Fall, da musste ein Bekannter fast ein ganzes Jahr im Voraus zahlen, weil seine Einkünfte aus dem Ausland dem Vermieter zu „abstrakt“ waren.
Und ein spanisches Bankkonto hilft ungemein. Viele Vermieter wollen die „Domiciliación“ (Lastschrift) für Miete und Nebenkosten (Luz y Agua) nur über eine spanische IBAN abwickeln, auch wenn EU-Konten rechtlich gehen müssten. In der Praxis spart ein lokales Konto viele Nerven.
Fallen im Mietvertrag: Das Kleingedruckte
Passen Sie auf bei Verträgen, die „de temporada“ (saisonal) sind, aber eigentlich als Dauerwohnsitz dienen sollen. Diese Verträge laufen oft 11 Monate, um dem Mieter die Rechte aus dem spanischen Mietgesetz (LAU) zu verwehren, das eigentlich eine Verlängerungsgarantie auf bis zu 5 oder 7 Jahre vorsieht. Wenn Sie wirklich dauerhaft bleiben wollen, bestehen Sie auf einem Vertrag als „Vivienda Habitual“.
Das Thema Provision
Eigentlich hat sich das Gesetz in Spanien 2023 geändert: Die Maklerprovision soll nun vom Vermieter gezahlt werden, nicht vom Mieter. Die Realität sieht oft anders aus. Viele Agenturen finden Wege, das zu umgehen („Servicegebühr“, „Vertragserstellungskosten“) oder vermieten eben nur „saisonal“, wo diese Regel nicht greift. Seien Sie darauf vorbereitet und fragen Sie direkt am Anfang: „Wer zahlt die Fee?“
Wohnungssuche in der Praxis: Worauf Sie achten müssen
Fotos können lügen, besonders in Spanien mit Weitwinkelobjektiven. Wenn Sie eine Wohnung besichtigen, schauen Sie nicht nur auf die schöne Einrichtung. Schalten Sie den pragmatischen Modus ein.
- Feuchtigkeit ist der Endgegner auf Inseln. Riecht es muffig, wenn Sie reinkommen? Sehen Sie frisch gestrichene Stellen in den Ecken oder unten an den Fußleisten? Das ist oft nur „Kosmetik“ über dem Schimmel. Lüften ist hier alles, aber manche Bausubstanz ist einfach verloren.
- Die Fenster. Doppelverglasung („Doble Acristalamiento“) ist hier Luxus, aber Gold wert. Einfachglas hält weder die Hitze draußen noch den Lärm der Mopeds ab.
- Heizung? Gibt es fast nie. Im Sommer lachen Sie darüber, aber auf 600 Metern Höhe kann es im Februar abends 12 Grad in der Wohnung haben. Achten Sie darauf, ob wenigstens elektrische Radiatoren da sind oder ob Sie Gasflaschen (Bombonas) schleppen müssen.
- Internet-Speed. Wenn Sie arbeiten müssen, verlassen Sie sich nicht auf „Ja, ja, Wifi is good“. Machen Sie einen Speedtest vor Ort. In manchen Barrancos (Schluchten) ist das Netz katastrophal.
Alternativen zum klassischen Mietmarkt
Manchmal ist der Markt einfach leergefegt. Ich kenne Leute, die haben monatelang gesucht. Was dann? Manche weichen auf Langzeitbuchungen in Apartment-Hotels aus. Das ist teurer, aber unkomplizierter (alles inklusive). Andere überlegen tatsächlich, ob sich kaufen lohnt – wofür wir übrigens einen eigenen Bereich mit Immobilienangeboten auf den Kanaren haben, falls Sie das nötige Eigenkapital mitbringen.
Oder Sie machen es ganz anders: Ich kenne ein Paar, das hat aufgegeben, eine Wohnung zu suchen, und lebt jetzt auf einem Boot im Hafen von Santa Cruz. Kein Witz. Wenn Sie seefest sind, schauen Sie mal bei unseren Yachtcharter-Angeboten oder Bootsverkäufen vorbei. Die Liegegebühren sind oft günstiger als eine Miete in Adeje.
Ein letztes Wort zur „Mañana“-Mentalität
Wenn Sie dann endlich drin sind: Entspannen Sie sich. Wenn die Waschmaschine kaputt geht und der Vermieter sagt, der Handwerker kommt „mañana“, dann heißt das nicht morgen. Das heißt: nicht heute. Vielleicht übermorgen, vielleicht nächste Woche. Wer hier mit deutscher Pünktlichkeit und Ungeduld rangeht, kriegt Magengeschwüre. Die Lebensqualität auf Teneriffa ist extrem hoch, aber sie erfordert eine gewisse Gelassenheit im Umgang mit Problemen.
Viel Glück bei der Suche. Wenn Sie erst einmal auf Ihrer Terrasse sitzen, den Barraquito in der Hand und auf den Atlantik schauen, wissen Sie, warum Sie sich den Stress angetan haben.
