Kanarische Küche: Essen und Trinken auf Teneriffa

Ehrlich gesagt: Wenn Sie nach Teneriffa kommen und als Erstes eine Paella bestellen, tun Sie mir ein bisschen weh. Nichts gegen Paella – aber das ist spanische Festlandküche. Hier auf den Kanaren ticken die Uhren anders, und die Töpfe auch. Die Küche Teneriffas ist wie die Insel selbst: vulkanisch, ein bisschen rau, unglaublich direkt und ohne viel Chichi.

Ich habe über die Jahre zu viele Touristen gesehen, die in den Bettenburgen im Süden bei „internationalem Buffet“ hängenbleiben oder in den Restaurants an der Promenade Tiefkühlpizza essen. Dabei verpassen sie das Beste. Wer hier wirklich essen will, muss sich ein bisschen dreckig machen – im übertragenen Sinne. Man muss in die Berge fahren, in Garagenweinbars sitzen und Fisch essen, der so frisch ist, dass er morgens noch im Atlantik geschwommen ist.

Lassen Sie uns mal Tacheles reden über das, was hier wirklich auf den Tisch kommt.

Das Phänomen „Guachinche“: Essen in der Garage

Vergessen Sie erst mal die weißen Tischdecken. Wenn Sie das echte Teneriffa schmecken wollen, müssen Sie in eine Guachinche. Das ist keine normale Gaststätte. Ursprünglich entstanden diese Orte, weil Winzer im Norden der Insel ihren Überschusswein direkt an die Leute verkaufen wollten. Damit der Wein nicht so schnell zu Kopf steigt, hat die Frau des Hauses (oder die Oma) einfach gekocht, was gerade da war.

Das ist auch heute noch das Prinzip, auch wenn es mittlerweile etwas regulierter zugeht. Eine echte Guachinche erkennen Sie meist an einem handgemalten Schild an der Straße, oft nur ein Stück Pappe mit einem Pfeil und dem Wort „Vino“.

In Orten wie Santa Úrsula oder La Orotava finden Sie diese Perlen. Man sitzt auf wackeligen Holzstühlen oder Plastikmobiliar, umgeben von Weinfässern, es ist laut, es riecht nach gegrilltem Fleisch, und die Speisekarte – wenn es überhaupt eine gibt – ist kurz.

Es gibt vier, vielleicht fünf Gerichte. Ein Eintopf, Fleisch vom Grill, Kichererbsen (Garbanzas) und Kartoffeln. Der Wein kommt in Karaffen, nicht in Flaschen, und wird aus kleinen Duralex-Gläsern getrunken. Wenn der Wein des Jahres ausgetrunken ist, muss die Guachinche schließen. Das ist das Gesetz. Anders als in den schicken Restaurants in den Touristenzentren zahlen Sie hier für ein opulentes Mahl inklusive Wein oft kaum mehr als 15 Euro pro Person.

Ein kleiner Tipp: Wer eine unserer Fincas oder Ferienwohnungen im Norden gebucht hat, ist hier klar im Vorteil. Sie fallen quasi aus der Tür direkt in die nächste Guachinche. Von Costa Adeje aus müssen Sie dafür ins Auto steigen – aber der Weg lohnt sich.

Papas Arrugadas: Mehr als nur Salzkartoffeln

Jeder Reiseführer erwähnt sie, aber kaum einer erklärt, warum sie so schmecken. Die „Papas arrugadas“ (runzlige Kartoffeln) sind heilig hier. Es handelt sich oft um alte Kartoffelsorten wie die „Andine“, die es auf dem europäischen Festland gar nicht gibt. Diese kleinen Knollen werden in extrem salzigem Wasser gekocht, bis das Wasser verdampft ist.

Das Geheimnis ist die Salzkruste, die auf der Schale zurückbleibt. Man isst sie komplett, mit Schale. Bitte fangen Sie nicht an, die Kartoffel zu pellen – die Einheimischen rollen sonst mit den Augen.

Dazu gibt es Mojo. Und hier scheiden sich die Geister.

  • Die Mojo Rojo (rot) ist meistens scharf, gemacht aus Paprika, Öl, Knoblauch und Pfefferoni. Sie passt perfekt zu Fleisch. Vorsicht bei der Bezeichnung „Mojo Picón“ – das bedeutet, sie beißt wirklich.
  • Die Mojo Verde (grün) basiert auf Koriander (Cilantro) oder Petersilie. Ich persönlich liebe die Koriander-Variante zum Fisch, auch wenn Koriander ja so eine Hassliebe-Sache ist. Sie ist frischer, weniger aggressiv und harmoniert mit den salzigen Kartoffeln fast besser als die rote Schwester.

Fisch: Hässlich, aber köstlich

Wenn Sie Fisch mögen, fahren Sie nach Tajao. Das ist ein kleines Fischerdorf im Süden. Es gibt dort keine Speisekarte. Sie gehen rein, steuern direkt auf die gekühlte Theke zu und zeigen auf das, was Sie essen wollen. Der Fisch wird gewogen, der Preis steht fest, und zehn Minuten später liegt er gegrillt auf Ihrem Teller. Simpler geht es nicht, besser auch nicht.

Probieren Sie unbedingt die „Vieja“ (Papageienfisch). Lassen Sie sich nicht vom Aussehen abschrecken – der Fisch ist bunt und sieht im rohen Zustand etwas seltsam aus, aber das Fleisch ist weiß, unglaublich zart und überhaupt nicht „fischig“. Es erinnert fast an Krabbenfleisch.

Auch beliebt sind Cherne (Wrackbarsch) und Sama. Wenn Sie selbst gerne kochen und sich in Ihrer Unterkunft an den Grill stellen wollen: Die Fischmärkte (Cofradías) in den Häfen verkaufen den Fang direkt vom Boot. Für alle, die es exklusiver mögen und vielleicht einen Yachtcharter planen: Fragen Sie die Crew. Oft können die Skipper während des Törns frischen Thunfisch organisieren oder wissen genau, welche Bucht das beste Restaurant mit Bootsanleger hat.

Fleischlust: Kaninchen und Ziege

Die kanarische Küche ist deftig. Ein Klassiker, der viele Touristen erst mal stutzen lässt, ist „Conejo en Salmorejo“. Das ist Kaninchen, das über Nacht in einer Beize aus Wein, Essig, Knoblauch und Kräutern mariniert und dann geschmort wird. Das Fleisch ist dunkel, fest und unglaublich würzig.

Dasselbe gilt für Ziegenfleisch (Carne de Cabra). Wenn es gut gemacht ist – und auf den Dörfern wissen sie, wie das geht – schmeckt es nicht streng, sondern einfach nur intensiv nach Kräutern und Weide. Es ist ein Essen für Wanderer. Wenn Sie gerade eine Tour durch das Anaga-Gebirge aus unserem Wander-Guide hinter sich haben und völlig ausgehungert sind, gibt es nichts Besseres als einen Teller Ziegenragout. Das bringt die Lebensgeister schneller zurück als jeder Energydrink.

Gofio: Der Stoff, aus dem die Guanchen waren

Über Gofio muss man sprechen. Es ist das wohl älteste Nahrungsmittel der Inseln, ein Erbe der Guanchen (Ureinwohner). Im Grunde ist es geröstetes Getreidemehl (meist Mais oder Weizen). Es riecht fantastisch nussig, fast wie Popcorn.

Aber die Konsistenz ist gewöhnungsbedürftig.

Man findet Gofio oft als „Escaldón“. Dabei wird das Mehl mit heißer Fisch- oder Fleischbrühe zu einem dicken Brei verrührt. Es sieht – seien wir ehrlich – aus wie grauer Mörtel. Schmeckt aber umwerfend herzhaft. Man tunkt Zwiebelstücke (als Löffelersatz) hinein. Zum Frühstück rühren viele Einheimische einfach einen Löffel Gofio in die warme Milch. Es ist der Kraftstoff der Insel.

Der Wein: Trinken Sie Vulkan

Lange Zeit galt kanarischer Wein als billiger Fusel. Das hat sich in den letzten 20 Jahren massiv geändert. Durch die Reblaus-Katastrophe, die im 19. Jahrhundert fast alle Weinstöcke Europas vernichtete, blieben die Kanaren verschont. Wir haben hier also „wurzelechte“ Reben, die Hunderte Jahre alt sind.

Besonders die Weißweine aus der Listán-Blanco-Traube sind spannend. Sie schmecken mineralisch, fast ein bisschen salzig und rauchig – man schmeckt buchstäblich den Vulkanboden. Das Anbaugebiet Valle de Orotava ist berühmt dafür. Wenn Sie Rotwein bevorzugen, suchen Sie nach Weinen aus der Tacoronte-Acentejo Region. Die sind jung, fruchtig und passen perfekt zum deftigen Essen hier.

Kaffee-Kultur: Der Barraquito

Bestellen Sie nach dem Essen keinen Cappuccino. Bestellen Sie einen Barraquito. Das ist nicht einfach ein Kaffee, das ist ein kleines Kunstwerk im Glas und besteht aus fünf Schichten:

  1. Ganz unten: Süße Kondensmilch (Leche condensada).
  2. Darauf: Licor 43 (ein spanischer Vanillelikör).
  3. Dann: Espresso.
  4. Obenauf: Geschäumte Milch.
  5. Das Finish: Ein Stück Zitronenschale und Zimt.

Man trinkt ihn nicht Schicht für Schicht, sondern rührt alles um. Die Kombination aus der Säure des Kaffees, der Süße der Milch, dem Alkohol und der Zitrone ist einzigartig. Es gibt auch den „Zaperoco“, das ist quasi ein Barraquito, bei dem der Kellner „aus Versehen“ etwas mehr Alkohol reingekippt hat.

Einkaufen und Selbstversorgung

Da wir auf unserem Portal viele Selbstversorger in Ferienhäusern haben, hier noch ein Rat zum Einkaufen: Meiden Sie für Obst und Gemüse die großen Supermarktketten. Gehen Sie auf die Bauernmärkte („Mercadillo del Agricultor“).

Der Markt in Tacoronte (samstags und sonntags) oder der berühmte „Mercado de Nuestra Señora de África“ in Santa Cruz sind Erlebnisse für sich. Hier kaufen Sie Bananen, die zwar klein und fleckig sind, aber so süß schmecken, dass Sie nie wieder eine Import-Banane aus dem Supermarkt anfassen wollen. Auch die lokalen Avocados und Mangos sind eine andere Liga.

Wenn Sie vorhaben, Immobilien auf der Insel zu kaufen – schauen Sie mal in unseren Bereich für Immobilienangebote – dann achten Sie darauf, wo der nächste Mercadillo ist. Das steigert die Lebensqualität enorm.

Praktische Tipps für Genießer

In den authentischen Restaurants isst man später als in Deutschland. Mittagessen vor 13:30 Uhr ist unüblich, Abendessen findet selten vor 20:30 Uhr statt. Wenn Sie um 18 Uhr in ein Restaurant gehen und es voll ist, sitzen Sie in einer Touristenfalle. Ist es leer, sind Sie einfach nur zu früh in einem guten Laden.

Trinkgeld („Propina“) ist auf den Kanaren entspannt. Man rundet auf oder lässt 5-10% liegen, wenn der Service gut war. Aber niemand rennt Ihnen böse hinterher, wenn Sie nur das Wechselgeld liegen lassen.

Essen auf Teneriffa ist mehr als Nahrungsaufnahme. Es ist laut, es dauert lange, und es ist extrem gesellig. Trauen Sie sich an die Dinge ran, deren Namen Sie nicht aussprechen können. Bestellen Sie den Hauswein. Und um Himmels willen, essen Sie die Kartoffelschale mit.