Wandern auf Teneriffa: Routen im Anaga und Teide Nationalpark

Wer glaubt, Teneriffa bestünde nur aus „All-Inclusive-Bunkern“ im Süden, überfüllten Stränden und dem unvermeidlichen Sonnenbrand, der hat – ganz ehrlich – keine Ahnung von der Insel. Ich lebe und arbeite hier seit Jahren, vermittle Ferienhäuser und Touren, aber wenn ich den Kopf freibekommen muss, binde ich mir die Wanderschuhe. Teneriffa ist eigentlich zwei Welten auf einem Felsen: Der trockene, sonnige Süden und das wilde, zerklüftete Gebirge, das oft über den Wolken liegt.

Das Wandern hier ist anders als in den Alpen oder im Schwarzwald. Es ist kontrastreicher. Morgens frierst du auf 2.000 Metern Höhe am Fuße des Teide, und zwei Stunden später bestellst du dir an der Küste einen Cortado im T-Shirt. In diesem Artikel nehme ich euch mit zu meinen absoluten Favoriten – ohne Reiseführer-Bla-Bla, sondern so, wie es wirklich ist. Dreckige Schuhe inklusive.

Das Anaga-Gebirge: Wo die Insel noch wild ist

Fangen wir im Nordosten an. Das Anaga-Gebirge ist geologisch gesehen der älteste Teil der Insel. Und das spürt man. Wenn ihr hierherkommt, vergesst alles, was ihr über „sonniges Teneriffa“ wisst. Hier hängen die Passatwolken in den Lorbeerbäumen, es tropft von den Ästen, und der Boden ist oft eine rutschige Angelegenheit. Ich habe schon Leute in Flip-Flops den Weg zum „Sendero de los Sentidos“ (Weg der Sinne) watscheln sehen – tun Sie das nicht. Wirklich nicht.

Die Atmosphäre hier oben hat fast etwas Prähistorisches. Es würde mich nicht wundern, wenn hinter dem nächsten Riesenfarn ein Dinosaurier hervorlugt.

Meine Route für Genießer: Chinamada

Viele rennen sofort zum „Zauberwald“ (El Pijaral), aber dafür braucht man eine Genehmigung, die oft Wochen im Voraus ausgebucht ist. Mein Tipp, wenn ihr spontan seid: Fahrt nach Las Carboneras und wandert nach Chinamada. Das ist ein kleines Dorf, in dem einige Menschen noch heute in Höhlenwohnungen leben. Keine Sorge, die haben Satellitenfernsehen und WLAN, es ist nicht die Steinzeit, aber die Architektur ist faszinierend.

Der Weg dorthin bietet Ausblicke auf die steilen Barrancos (Schluchten), die direkt in den Atlantik abfallen. Der Ozean sieht von hier oben nicht blau aus, sondern tief dunkelblau, fast schwarz. Wild und ungezähmt.

  • Parken ist im Anaga-Gebirge oft ein Albtraum. Am Mietwagen solltet ihr Spiegel einklappen, wenn ihr die engen Serpentinen hochfahrt. Der Bus (Titsa) ist eine stressfreie Alternative, wenn man magenfest ist.
  • Nach der Wanderung im Restaurant „La Cueva“ einkehren. Der Ziegenkäse dort ist lokal, deftig und genau das, was man nach 10 Kilometern in den Beinen braucht.
  • Jacke mitnehmen! Auch wenn es in Los Cristianos 28 Grad hat, kann es in Cruz del Carmen 14 Grad mit Nieselregen haben.

Teide Nationalpark: Mars-Landschaft vor der Haustür

Szenenwechsel. Wir fahren hoch in die Cañadas. Sobald man durch die Wolkendecke bricht (meistens so auf 1.500 bis 1.800 Metern), ändert sich alles. Die Vegetation verschwindet, die Farben wechseln von Grün zu Rot, Braun und Ocker. Willkommen auf dem Mars. Oder zumindest dem nächsten Äquivalent auf Erden.

Der Teide selbst, mit seinen 3.718 Metern, dominiert alles. Viele Touristen fahren nur mit der Seilbahn hoch, machen ein Selfie und fahren wieder runter. Kann man machen. Aber wer das echte „Teide-Feeling“ will, muss laufen.

Die Herausforderung: Montaña Blanca

Das ist nichts für den ersten Urlaubstag. Die Luft da oben ist dünn. Man merkt jeden Schritt. Die Route über die Montaña Blanca hoch zum Gipfel ist hart, aber machbar, wenn man körperlich fit ist.

Man startet auf breiten Bimssteinwegen (die „Eier des Teide“ liegen hier rum – riesige schwarze Felskugeln), und dann geht es steil in Serpentinen hoch zur Schutzhütte Altavista. Leider ist die Hütte oft geschlossen, checkt das unbedingt vorher auf unserer Seite unter geführte Touren und aktuelle Infos.

Was viele unterschätzen, ist die Sonne. Durch die Höhe ballert die UV-Strahlung extrem. Ich habe mir dort oben mal die Ohren verbrannt, weil ich dachte „Ach, es sind ja nur 10 Grad“. Ein fataler Irrtum. Creme mit Faktor 50 ist Pflicht, kein Vorschlag.

Roques de García – Der Touri-Klassiker (aber zu Recht)

Wenn ihr nicht den ganzen Gipfelsturm machen wollt, lauft um die Roques de García. Ja, am Parkplatz beim Parador Hotel ist die Hölle los. Busladungen voller Kreuzfahrttouristen. Aber hier ist der Trick: Geht einfach 500 Meter weiter auf dem Wanderweg nach unten in die Ebene der Ucanca. 95% der Leute bleiben am Aussichtspunkt. Sobald ihr die erste Biegung nehmt, habt ihr diese bizarre Felslandschaft fast für euch allein. Die Felsformation „Dedo de Dios“ (Finger Gottes) sieht von unten noch imposanter aus.

Praktische Tipps aus Erfahrung (und Fehlern)

Ich habe über die Jahre so ziemlich jeden Fehler gemacht, den man machen kann. Damit ihr das nicht müsst, hier ein paar ehrliche Ratschläge für euren Wanderurlaub auf Teneriffa.

  • Festes Schuhwerk ist nicht optional. Vulkangestein ist messerscharf. Diese weichen Schaumsohlen von billigen Laufschuhen werden vom Lava-Gestein regelrecht zerfetzt. Ich habe mal einen Schuh nach einer Tour am Pico Viejo weggeworfen, weil die Sohle halb abhing.
  • Unterschätzt das Wasser nicht. Im Teide-Nationalpark gibt es keine Kioske am Wegesrand. Wenn eure 0,5-Liter-Flasche leer ist, habt ihr ein Problem. Ich rechne immer mit 2-3 Litern pro Person bei großen Touren, die Luft ist extrem trocken.
  • Die Sache mit dem Netz. In den Schluchten von Anaga und in manchen Ecken der Cañadas habt ihr null Handyempfang. Ladet euch die Karten vorher aufs Handy oder – ganz oldschool – kauft euch eine Wanderkarte.
  • Unterkunft strategisch wählen. Wer viel wandern will, sollte nicht unbedingt in Las Américas wohnen. Das Pendeln nervt. Schaut euch lieber nach Ferienunterkünften im Norden oder in Santiago del Teide um. Da seid ihr näher am Geschehen.

Ein Wort zu geführten Touren vs. Alleine losziehen

Ich werde oft gefragt: „Brauche ich einen Guide?“ Die Antwort ist ein klares Jein. Die Wege sind meist gut markiert. Wer Karte lesen kann, kommt in Anaga oder am Teide gut allein zurecht.

Aber – und das ist ein großes Aber – ein Guide zeigt euch Dinge, an denen ihr achtlos vorbeilauft. Welche Pflanze heilt Wunden? Warum ist dieser Stein grün gefärbt? Und vor allem bei der Teide-Gipfelbesteigung ist es oft einfacher, eine organisierte Tour zu buchen, weil sich die Anbieter um die Permit-Logistik kümmern. Die Genehmigungen für die letzten 200 Höhenmeter zum Krater sind oft Monate im Voraus weg. Guides haben oft Kontingente. Das ist manchmal der einzige Weg, legal ganz nach oben zu kommen.

Fazit

Wandern auf Teneriffa ist rau, schön und anstrengend. Es ist der beste Weg, diese Insel wirklich zu verstehen. Denkt daran, die Natur zu respektieren. Nehmt euren Müll mit – auch das Taschentuch, das „ja verrottet“. In der trockenen Vulkanlandschaft verrottet gar nichts so schnell.

Wenn ihr nach der Wanderung noch Energie habt oder einen Ruhetag braucht, schaut euch gerne unsere Sektion für Yachtcharter an. Nichts entspannt die Wadenmuskulatur besser, als die Beine von einem Boot ins Wasser baumeln zu lassen und auf den Teide zu schauen – diesmal von unten, wohlwissend, dass man ihn bezwungen hat.