Santa Cruz de Tenerife: Hauptstadt und Sehenswürdigkeiten

Ganz ehrlich: Die meisten Touristen sehen Santa Cruz de Tenerife nur durch die getönten Scheiben eines Transferbusses auf dem Weg vom Nordflughafen in den Süden nach Adeje oder Playa de las Américas. Oder sie steigen für fünf Stunden von einem dieser riesigen Kreuzfahrtschiffe, lassen sich die Avenida de Anaga entlangschieben und denken dann, sie hätten „Teneriffa gesehen“.

Das ist natürlich Quatsch. Als jemand, der seit Jahren hier Mietwagen über die Insel jagt, Immobilien begutachtet und Bootstouren organisiert, kann ich Ihnen sagen: Santa Cruz ist keine reine Urlaubskulisse. Es ist eine echte Stadt. Hier wird gearbeitet, hier stehen die Behörden im Stau, und hier gibt es den besten Barraquito der Insel für unter 1,50 Euro (versuchen Sie das mal an der Costa Adeje).

Wir haben auf unserer Plattform schon tausende Pauschalreisen und Unterkünfte vermittelt, aber Santa Cruz bleibt oft ein weißer Fleck auf der Karte unserer Kunden. Zeit, das zu ändern. Hier ist der ungeschminkte Blick auf die Hauptstadt – was sich lohnt und was Sie getrost ignorieren können.

Der erste Eindruck: Beton, Hafen und eine Prise Sydney

Wenn Sie von Süden kommen, sehen Sie zuerst die Raffinerie. Nicht erschrecken, das gehört dazu. Kurz danach taucht das Wahrzeichen auf, das Sie auf jeder Postkarte sehen: Das Auditorio de Tenerife. Entworfen von Santiago Calatrava. Die Einheimischen streiten sich immer noch, ob es wie eine Welle aussieht oder wie ein römischer Helm.

Mein Tipp: Gehen Sie nicht rein. Also, außer Sie haben Karten für ein Konzert. Die Akustik ist super, keine Frage. Aber die wirkliche Magie passiert draußen auf den schwarzen Felsen, wenn die Sonne untergeht und die Gischt gegen die Kaimauer spritzt. Dort an der Kante sitzen die Angler, Jogger machen Pause – das ist das echte Santa Cruz Lebensgefühl. Ein paar Meter weiter liegt der Parque Marítimo César Manrique. Das ist quasi das öffentliche Freibad, aber in extrem schick. Salzwasserbecken, Lavagestein, Palmen. Wenn Sie mit Kindern unterwegs sind und keine Lust auf Sand in jeder Ritze haben, ist das hier Gold wert.

Plaza de España: Mehr als nur ein Instagram-Spot?

Sie werden zwangsläufig an der Plaza de España landen. Es ist der zentrale Knotenpunkt. Seit der Renovierung gibt es diesen riesigen künstlichen See in der Mitte. Sieht toll aus auf Fotos. Aber Vorsicht im Sommer: Es gibt dort kaum Schatten. Die Hitze staut sich auf dem hellen Boden gnadenlos.

Unter der Plaza befindet sich übrigens ein Rest der alten Castillo-Mauern („Castillo de San Cristóbal“). Der Eintritt ist meist frei oder kostet nur Kleingeld. Es ist klein, dunkel und feucht, aber wer verstehen will, warum Nelson hier seinen Arm verloren hat (ja, Lord Nelson hat versucht, Santa Cruz zu erobern und ist gescheitert), sollte kurz runtergehen. Dauert keine 15 Minuten.

Einkaufen ohne Touristen-Aufschlag: Calle del Castillo

Die Hauptgeschäftsstraße ist die Calle del Castillo. Sie führt bergauf bis zur Plaza Weyler. Hier ein strategischer Rat aus Erfahrung:

  • Fahren Sie mit der Straßenbahn (Tranvia) hoch bis zur Station „Weyler“.
  • Laufen Sie die Calle del Castillo entspannt bergab zurück zum Meer.
  • Ihre Waden werden es Ihnen danken.

In den Seitenstraßen finden Sie übrigens noch echte kanarische Läden, keine internationalen Ketten. Suchen Sie nach kleinen Geschäften, die „Vino del País“ verkaufen oder handgerollte Zigarren aus La Palma. Apropos Luxus und Boote: Wir bekommen oft Anfragen im Bereich Yachtcharter und Bootsverkäufe. Der Sporthafen von Santa Cruz ist dafür eine erstklassige Adresse, allerdings deutlich „arbeitsorientierter“ als die Schickimicki-Häfen im Süden. Hier liegen Weltumsegler neben lokalen Fischern.

Der Bauch der Stadt: Mercado de Nuestra Señora de África

Vergessen Sie TripAdvisor. Wenn Sie wissen wollen, was die Insel wirklich produziert, gehen Sie in den „La Recova“ (so nennen die Locals den Markt). Aber hier ist der Haken: Sie müssen früh dran sein.

Um 13:00 Uhr packen die besten Stände langsam zusammen. Gehen Sie um 09:30 Uhr hin. Im Untergeschoss ist der Fischmarkt. Der Geruch ist intensiv, aber die Ware ist frisch vom Kutter. Oben finden Sie Gewürze (kaufen Sie „Mojo“-Gewürzmischungen hier, nicht im Souvenirshop am Flughafen) und Käse. Wenn Sie einen Käse sehen, der in Gofio (geröstetem Maismehl) oder Paprika gewälzt ist: Kaufen. Sofort. Ein Stück Ziegenkäse („Queso de cabra“) und ein frisches Brot vom Bäcker nebenan – besseres Mittagessen kriegen Sie in keinem 5-Sterne-Hotel.

Strandleben: Die Sache mit dem Sand

Santa Cruz liegt am Meer, hat aber im Zentrum keinen Strand. Wer baden will, muss in den Bus oder das Auto steigen und ca. 7 Kilometer nördlich fahren.

Playa de Las Teresitas

Dieser Strand ist komplett künstlich. Der Sand wurde in den 70ern per Schiff aus der Sahara geholt. Das ist kein Geheimnis, aber es macht den Strand einzigartig auf Teneriffa. Während die meisten Strände im Norden schwarz und steinig sind (und die Wellen einen schnell mal umhauen), ist Las Teresitas durch einen Wellenbrecher geschützt. Das Wasser ist fast so ruhig wie in einer Badewanne.

Es gibt hier keine Hotels direkt am Sand. Nur die „Kioskos“ (Strandbuden). Bestellen Sie dort unbedingt frittierte „Chocos“ (Tintenfisch) oder „Camarones“. Am Wochenende ist es hier allerdings rappelvoll mit Familien aus der Hauptstadt. Wenn Sie Ruhe suchen, kommen Sie unter der Woche. Und noch ein Warnhinweis für Autofahrer: Der Wind fegt den feinen Saharasand gnadenlos über den Parkplatz. Wenn Sie einen Mietwagen haben, lassen Sie die Fenster bloß zu, sonst haben Sie das Wüstenfeeling noch drei Tage später im Polster.

Ausflüge vor der Haustür: Das Anaga-Gebirge

Wer unsere Sektion über Wandertouren und Naturerlebnisse kennt, weiß, dass ich ein Fan des Anaga-Gebirges bin. Santa Cruz ist das Tor dazu. Sie steigen ins Auto, fahren 20 Minuten bergauf und sind plötzlich im Urwald. Lorbeerwald, Nebel, Temperaturen zehn Grad kühler als in der Stadt.

Eine Fahrt nach Taganana oder zum Aussichtspunkt „Pico del Inglés“ ist Pflicht. Die Straßen sind eng und kurvig – wer hier nicht schwindelfrei ist, sollte lieber den Bus nehmen oder eine geführte Tour buchen. Aber der Blick, wenn die Wolken über den Grat der Berge fließen (wir nennen das den „Eselbauch“), ist unbezahlbar.

Immobilienmarkt: Wohnen in der Hauptstadt?

Viele unserer Kunden schauen zuerst im Süden nach Immobilien. Sonne satt, klar. Aber Santa Cruz hat einen ganz anderen Reiz, besonders für Langzeitaufenthalte oder „Workation“.

Die Preise für Wohnungen und Häuser sind hier oft moderater als in den Touristenhochburgen Las Américas oder Costa Adeje. Dafür bekommen Sie hier echte Nachbarschaft statt wechselnder Airbnb-Gäste. Allerdings: Parkplätze sind Mangelware. Eine Wohnung ohne „Garaje“ im Zentrum von Santa Cruz? Tun Sie sich das nicht an. Sie werden mehr Zeit mit Parkplatzsuche verbringen als mit Leben.

Ein weiterer Faktor ist das Wetter („La Panza de Burro“). Santa Cruz hat oft eine Wolkendecke, während der Süden in der Sonne brutzelt. Manche hassen es, ich finde es angenehm – gerade im August, wenn man im Süden vor Hitze kaum atmen kann, weht in der Hauptstadt oft eine angenehme Brise.

Praktische Überlebenstipps für Santa Cruz

Zum Abschluss noch ein paar Dinge, die in keinem Reiseführer stehen, aber wichtig sind, wenn Sie nicht sofort als „Guiri“ (Tourist) auffallen wollen:

  • Kaffee bestellt man als „Leche y Leche“ (Kaffee mit Kondensmilch) oder „Barraquito“ (die Version mit Likör 43, Zitrone und Zimt). Ein normaler Milchkaffee ist ein „Café con leche“.
  • Mittagspause ist heilig. Zwischen 14:00 und 17:00 Uhr sind viele kleine Läden zu. Das ist keine Faulheit, das ist Rhythmus. Nutzen Sie die Zeit für ein ausgedehntes Mittagessen.
  • Karneval ist hier Religion. Wenn Sie im Februar kommen, buchen Sie Monate im Voraus. Die Stadt steht dann zwei Wochen lang kopf, und Schlaf wird völlig überbewertet. Es ist nach Rio der zweitgrößte Karneval der Welt – und die Einheimischen würden sogar behaupten, er sei besser, weil sicherer.

Santa Cruz de Tenerife ist laut, manchmal chaotisch, architektonisch ein wilder Mix aus Kolonialstil und 70er-Jahre-Bausünden – aber es ist das Herz der Insel. Geben Sie der Stadt einen Tag, besser zwei. Sie werden es nicht bereuen.