Man landet auf Teneriffa, schaut aus dem Fenster, und sieht oft erst mal trockene braune Erde. Aber kaum fährt man Richtung Küste, ändert sich das Bild gewaltig – vor allem für die, die nicht nur am Pool liegen wollen. Teneriffa ist, um es mal direkt zu sagen, ein riesiger Spielplatz mitten im Atlantik. Wer Wasser mag, wird hier glücklich, vorausgesetzt, man weiß, wo man hin muss. Ich habe genug Tage im Salzwasser verbracht, um euch zu sagen: Es ist nicht überall gleich gut.
Das hier ist kein Hochglanz-Prospekt, der euch „traumhafte Momente“ verspricht. Das ist der Realitätscheck für Wasserratten. Wir reden über scharfe Riffe, Fallwinde in El Médano und warum man beim Tauchen hier eher Lava als bunte Korallen sieht – und warum das eigentlich viel cooler ist.
Surfen: Mehr als nur Playa de las Américas
Fangen wir mit dem Wellenreiten an. Viele Leute steigen in Las Américas aus dem Taxi, sehen die Surfschulen und denken: „Okay, das ist der Spot.“ Stimmt auch, aber es ist eben auch der vollste. Wenn du dort ins Wasser gehst, speziell an der „Spanish Left“, musst du Ellenbogen haben. Die Locals sind okay, solange du die Regeln kennst, aber an guten Tagen ist es dort voll wie in der U-Bahn zur Rushhour.
Der große Unterschied auf Teneriffa ist Nord vs. Süd. Das vergessen viele bei der Planung.
Der Süden: Freundlich, aber voll
Im Süden hast du fast immer Sonne. Das Wasser ist wärmer, die Stimmung entspannt. Für Anfänger ist das hier das Paradies, weil es Dutzende Schulen gibt, die dir in zwei Stunden beibringen, wie man auf dem Brett steht (oder zumindest würdevoll fällt). Der Untergrund ist oft Riff, was viele überrascht. Man fällt nicht weich in Sand, sondern eher auf Vulkangestein. Packt euch Booties ein, wenn ihr empfindliche Füße habt. Ich habe genug verstümmelte Zehen gesehen, die den Urlaub ruiniert haben.
Der Norden: Rau und ehrlich
Fährst du in den Norden, nach Bajamar oder in die Nähe von Puerto de la Cruz, sieht die Welt anders aus. Hier ist der Atlantik nicht nett. Die Wellen haben mehr Power, das Wasser ist oft wilder und – ganz wichtig – die Locals nehmen ihr Revier ernst. Wer hier surft, sollte wirklich wissen, was er tut. Es ist weniger überlaufen, aber die Bedingungen wechseln schnell. Ein Spot, der morgens perfekt aussieht, kann nachmittags unbrauchbar sein, wenn der Wind dreht.
Was ich an Teneriffa liebe, ist die Konsistenz. Ich war schon im „Winter“ hier, Januar oder Februar. Du ziehst einen 3/2er Neoprenanzug an und frierst trotzdem nicht, solange du dich bewegst. Im Sommer reicht oft ein Shorty oder sogar Boardshorts, wenn du nicht stundenlang im Wind sitzt.
Kitesurfen und Windsurfen: Die Hölle und der Himmel von El Médano
Wenn du am Flughafen TFS landest, siehst du sie oft schon aus dem Flieger: die bunten Schirme über dem Wasser bei El Médano. Dieser Ort ist speziell. Man liebt ihn oder man hasst ihn, dazwischen gibt es wenig. Warum? Wegen des Windes.
El Médano lebt vom Passatwind. Das ist kein laues Lüftchen, das ist ein Föhn auf Steroiden. An manchen Tagen fliegst du hier fast weg, wenn du nur am Strand stehst. Für Kiter und Windsurfer ist das natürlich Weltklasse. Nicht umsonst finden hier regelmäßig Weltcup-Events statt.
Hier ein paar Dinge, die dir kein Reiseprospekt verrät:
- Der Sand in El Médano ist extrem fein. Wenn es richtig bläst – und das tut es oft –, hast du den Sand überall. Wirklich überall. In den Ohren, im Auto, im Hotelzimmer. Gewöhn dich dran.
- Die Bucht ist geteilt. Es gibt Zonen für Badegäste, Windsurfer und Kiter. Halt dich daran. Die Rettungsschwimmer verstehen da keinen Spaß, und ehrlich gesagt willst du auch keinem Windsurfer mit 40 km/h in die Quere kommen.
- Montaña Roja: Der rote Berg am Ende der Bucht sieht toll aus, wirkt aber auch als Düse. Nahe am Berg verstärkt sich der Wind oft noch. Anfänger sollten Abstand halten, sonst treibt es euch schneller raus, als ihr „Hilfe“ rufen könnt.
Die Bedingungen sind meistens „Side-Onshore“. Das ist super sicher, weil der Wind dich im Zweifelsfall immer wieder an den Strand drückt und nicht auf den offenen Ozean hinaus. Das macht El Médano zu einem der besten Orte in Europa, um Kiten zu lernen. Es gibt Dutzende Schulen direkt an der Promenade. Mein Tipp: Such dir eine Schule, die Funk-Headsets für den Unterricht nutzt. Bei dem Windgeräusch verstehst du deinen Lehrer sonst nur, wenn er dich anschreit – und das macht keinen Spaß.
Tauchen: Mondlandschaften unter Wasser
Kommen wir zu meinem persönlichen Favoriten. Tauchen auf Teneriffa wird oft unterschätzt, weil alle Welt immer von bunten Korallenriffen in Ägypten oder der Karibik träumt. Teneriffa ist anders. Rauher. Dramatischer.
Unter Wasser sieht es hier aus wie oben, nur nass. Vulkane haben bizarre Landschaften geformt: riesige Basaltsäulen, Überhänge, Höhlen und Tunnel. Es hat etwas fast Mystisches, durch diese dunklen Gesteinsformationen zu schweben, während das Sonnenlicht in blauen Strahlen durchbricht.
Was sieht man da eigentlich?
Vergiss Clownfische. Hier regieren die Rochen. Stachelrochen, Adlerrochen, Schmetterlingsrochen. An Plätzen wie „Los Chuchos“ (bei Las Galletas) sind sie so an Taucher gewöhnt, dass sie einem fast auf die Pelle rücken. Es ist beeindruckend, wenn so ein Zwei-Meter-Tier lautlos an dir vorbeigleitet.
Schildkröten gibt es auch, vor allem im Bereich El Puertito. Früher war das dort ein ziemlicher Zirkus mit Schnorchlern, die die Tiere gefüttert haben (bitte macht das nicht, das macht die Tiere krank und aufdringlich). Inzwischen ist es etwas regulierter, was gut ist. Wenn du einer Schildkröte begegnest: Hände weg. Beobachten, freuen, weiteratmen.
Nord vs. Süd beim Tauchen
Auch hier gibt es Unterschiede:
- Radazul (Norden/Osten): Hier gibt es einen der beliebtesten Shore-Dives. Man geht direkt vom Hafenbecken ins Wasser und fällt quasi sofort in die Tiefe. Perfekt für Deep-Dive-Trainings. Die Sichtweiten sind oft phänomenal, manchmal 30 Meter oder mehr.
- Las Galletas / Los Cristianos (Süden): Hier läuft fast alles über Boote. Das Wasser ist oft ruhiger, aber manchmal etwas trüber durch den Sand. Dafür ist der Fischreichtum gefühlt höher.
Ein Wort zur Ausrüstung: Der Atlantik ist kein Badewasser. Im Sommer hat das Wasser vielleicht 23 oder 24 Grad, im Februar geht es runter auf 18 oder 19 Grad. Ich tauche hier im Winter oft mit einem 7mm Halbtrocken-Anzug und Kopfhaube. Wer schnell friert, sollte das nicht unterschätzen. Nach 45 Minuten in 19 Grad kaltem Wasser zitterst du auch im 5mm Anzug ordentlich.
Praktisches: Auto, Preise und der „Manana“-Faktor
Wenn du Wassersport auf Teneriffa planst, brauchst du einen Mietwagen. Punkt. Busfahren mit Surfbrett oder Tauchgerödel? Vergiss es. Die Busse (Guaguas) nehmen großes Gepäck oft gar nicht mit, und du willst nicht mit nassen Klamotten an der Haltestelle stehen.
Die Preise sind fair, aber nicht mehr spottbillig wie vor zehn Jahren. Ein Tauchgang inklusive Ausrüstung liegt meistens irgendwo zwischen 35 und 50 Euro, je nachdem ob Boot oder Land und ob du Pakete kaufst. Surfkurse sind ähnlich. Einsteigerkurse (meist 2-3 Stunden) kosten um die 40-50 Euro.
Was du mitbringen musst, ist Geduld. Auf den Kanaren ticken die Uhren anders. Wenn der Surflehrer sagt „Wir treffen uns um 10“, kann das auch 10:15 sein. Wenn der Wind nicht passt, wird gewartet. Stress dich nicht. Trink einen „Barraquito“ (dieser süße Kaffee mit Likör und Kondensmilch – eine Bombe, aber lecker) und genieß die Aussicht.
Ein ehrliches Fazit
Teneriffa ist für Wassersportler meiner Meinung nach eine der besten Destinationen in Europa, einfach wegen der Erreichbarkeit und der Vielfalt. Du kannst morgens in Radazul auf 30 Meter Tiefe gehen, mittags in El Médano kiten, bis die Arme brennen, und abends in Las Américas den Surfern beim Sonnenuntergang zuschauen.
Es ist nicht perfekt. Die Strände sind manchmal steinig, der Wind kann nerven, und an den Hotspots ist es voll. Aber die Energie dieser Insel, dieser vulkanische Ursprung, den man über und unter Wasser spürt, ist einzigartig. Pack gute Booties ein, nimm lieber den dickeren Neopren als den dünnen, und lass dich auf den Rhythmus des Atlantiks ein. Es lohnt sich.
