Machen wir uns nichts vor: Wer nach Teneriffa kommt und diesen Felsen – die Acantilados de Los Gigantes – nicht vom Wasser aus gesehen hat, der war eigentlich gar nicht richtig hier. Aber es geht ja nicht nur um Steinwände, egal wie imposant die 600 Meter senkrecht in den Himmel ragen. Es geht um das, was davor im Wasser schwimmt.
Ich lebe schon eine ganze Weile auf der Insel, und ich habe sicher über fünfzig dieser Touren mitgemacht – mal mit Besuch aus Deutschland, mal um neue Anbieter zu testen, und manchmal einfach nur, weil der Atlantik an einem Dienstagmorgen die beste Medizin gegen Stress ist. Wenn Sie glauben, Walbeobachtung sei Glückssache wie Pilzesammeln im trockenen Wald: Hier ist das anders.
Der Kanal zwischen Teneriffa und La Gomera ist so etwas wie die „Suppenküche“ für Meeressäuger. Es ist tief, es ist nahrhaft, und deshalb sind sie immer da. Nicht „vielleicht“, sondern fast garantiert.
Warum ausgerechnet Los Gigantes?
Man kann Bootstouren auch im Süden buchen, ab Puerto Colón (Costa Adeje) oder Los Cristianos. Warum also die kurvige Fahrt in den Westen nach Los Gigantes auf sich nehmen? Ganz einfach: Die Kulisse. Wenn man von Las Americas startet, sieht man lange Zeit erstmal nur Hotels und braune Küste.
Startet man aber in Los Gigantes, ist man in fünf Minuten mitten im Geschehen. Die Felswände stürzen direkt ins Meer, und das Wasser wird hier extrem schnell extrem tief. Wir reden hier von bis zu 2.000 Metern Tiefe in Sichtweite der Küste. Das ist der Grund, warum hier keine kleinen Fische, sondern die echten Schwergewichte patrouillieren.
Außerdem ist der Wind hier oft gnädiger. Die massiven Felsen schirmen die vorherrschenden Passatwinde etwas ab, was bedeutet, dass das Meer hier oft spiegelglatt ist, während es im Süden schon ordentliche Schaumkronen gibt.
Die Stars der Show: Was Sie wirklich sehen werden
Vergessen Sie erst einmal die Hochglanzbroschüren, die Ihnen Blauwale und Orcas versprechen. Ja, die ziehen hier durch – ich habe selbst schon Pottwale gesehen – aber das sind die Ausnahmen, die Kirsche auf der Torte. Wenn Sie eine Tour buchen, sehen Sie zu 99% diese beiden Gesellen:
1. Der Kurzflossen-Grindwal (Pilotwal)
Das sind die eigentlichen Einwohner Teneriffas. Eine Population von etwa 400 bis 500 Tieren lebt permanent hier. Sie ziehen nicht weg. Das Lustige an Grindwalen ist: Sie sind entspannt. Fast schon faul. Manchmal treiben sie einfach wie dunkle Baumstämme an der Oberfläche („logging“), atmen kurz, und tauchen dann wieder ab.
Sie sind schwarz, haben eine markante Rückenflosse und werden bis zu 5-6 Meter lang. Da sie in festen Familiengruppen leben, sieht man oft Mütter mit Kälbern. Das ist kein Zoo-Erlebnis; die Tiere kommen oft freiwillig an die Boote heran, weil sie neugierig sind (oder wir ihnen schlicht egal sind).
2. Der Große Tümmler
Der „Flipper“-Delfin. Diese Burschen sind das genaue Gegenteil der Grindwale. Aktiv, schnell, oft in größeren Gruppen unterwegs. Wenn Sie Glück haben, reiten sie in der Bugwelle des Bootes. Das ist kein antrainiertes Verhalten für Touristen, das machen sie einfach aus Spaß an der Hydrodynamik.
Andere Arten wie Fleckendelfine, Rauzahndelfine oder gar Finnwale sind saisonabhängig oder reiner Zufall. Freuen Sie sich über die Grindwale – es ist weltweit einer der wenigen Orte, wo man sie so verlässlich antrifft.
Welches Boot passt zu Ihnen? (Der ehrliche Vergleich)
Im Hafen von Los Gigantes (Puerto de Los Gigantes) reiht sich Bude an Bude. Jeder will Ihnen ein Ticket verkaufen. Die Qualität schwankt, und „das beste Boot“ gibt es nicht – es kommt darauf an, was Sie vertragen und was Sie suchen.
- Wer schnell seekrank wird, sollte unbedingt einen großen Katamaran wählen. Die Zweirumpf-Bauweise liegt stabiler auf dem Wasser und schaukelt weniger. Der Nachteil ist ganz klar die Masse. Man teilt sich die Reling mit 50 anderen Leuten, und oft dröhnt Musik aus den Lautsprechern. Es ist touristischer, aber sicher.
- Für das echte Erlebnis empfehle ich immer kleine Segelboote oder Motoryachten (max. 10-12 Personen). Der Kapitän kann viel flexibler auf die Tiere reagieren (ohne sie zu jagen!). Man ist näher an der Wasseroberfläche. Wenn ein 6-Meter-Wal drei Meter neben einem kleinen Segler auftaucht, spürt man das im Magen. Auf dem großen Katamaran ist es nur ein Fotomotiv von oben.
- Dann gibt es noch die „Piratenschiffe“ wie die Flipper Uno. Ja, das ist Kitsch pur. Die Crew verkleidet sich, schwingt an Seilen, und es gibt Paella aus Plastiktellern. Aber: Familien mit Kindern lieben es. Wenn Sie Kinder unter 10 Jahren dabei haben, ist das oft die stressfreiste Option, weil die Kids unterhalten sind, auch wenn gerade mal kein Wal zu sehen ist.
- Vorsicht bei den Schnellbooten (RIBs/Zodiacs). Das sind diese gelben oder roten Gummiboote mit starken Außenbordern. Die sind klasse, um schnell zu den Tieren zu kommen, aber nichts für Leute mit Rückenproblemen. Wenn die über die Wellen brettern, gibt es Schläge in die Wirbelsäule. Dafür ist der Adrenalinfaktor hoch.
Ein Kritisches Wort: Die „Barco Azul“ Flagge
Das hier ist mir persönlich wichtig. Teneriffa ist ein europäisches Vorzeigegebiet für Walschutz, aber es gibt schwarze Schafe. Achten Sie auf die gelbe Flagge mit dem blauen Boot-Logo („Barco Azul“).
Nur Boote mit dieser Lizenz dürfen sich den Walen nähern. Sie verpflichten sich zu Regeln: Nicht direkt auf die Tiere zufahren, Motor in der Nähe in den Leerlauf schalten, nicht länger als eine bestimmte Zeit bei einer Gruppe bleiben.
Illegale Privatkapitäne preschen oft mitten in die Gruppen hinein. Das stresst die Tiere und führt oft zu Verletzungen durch Propeller. Unterstützen Sie das bitte nicht, auch wenn es 5 Euro billiger ist.
Der Ablauf einer typischen Tour
Fast alle Touren ab Los Gigantes folgen einem ähnlichen Muster, egal ob 2, 3 oder 4,5 Stunden:
Zuerst geht es raus aufs offene Meer. Der Kapitän oder Guide hält Funkkontakt zu anderen Booten („fishing boats“ helfen oft beim Spotten). Sobald Wale gesichtet sind, nähert man sich langsam. Man verbringt etwa 20-30 Minuten mit den Tieren.
Danach drehen die meisten Boote Richtung Küste ab und fahren unterhalb der gigantischen Steilwände zur Masca-Schlucht-Bucht (Barranco de Masca). Hier wird der Anker geworfen.
Dieser Badestopp ist meistens das zweite Highlight. Das Wasser ist hier glasklar und oft türkisblau, weil der sandige Grund das Licht reflektiert, im Gegensatz zum tiefen Blau weiter draußen. Viele Anbieter werfen jetzt Essen (belegte Baguettes, Paella oder Hähnchen) und Getränke in die Runde. Erwarten Sie kein Sternemenü – es ist Bootsverpflegung. Es schmeckt nach Salzwasser und Urlaub, das reicht meistens.
Praktische Tipps aus der Erfahrungskiste
Parken in Los Gigantes – Ein Albtraum
Wenn Sie mit dem Mietwagen anreisen: Der Hafen von Los Gigantes ist eine Einbahnstraßen-Sackgasse, die steil nach unten führt. Unten gibt es einen Parkplatz mit Schranke. Ist der voll (und er ist oft voll), müssen Sie die ganze Schleife wieder hochfahren.
Mein Rat: Versuchen Sie gar nicht erst, direkt im Hafen zu parken, wenn Sie nicht vor 10 Uhr morgens da sind. Parken Sie weiter oben an der Straße und laufen Sie die 10 Minuten runter. Der Rückweg ist steil, aber besser als der Stress im Stau am Hang.
Seekrankheit
Der Atlantik hat eine lange Dünung. Das ist kein kurzes Hacken wie im Mittelmeer, sondern ein langes, langsames Heben und Senken. Manchen Mägen gefällt das gar nicht.
Essen Sie vorher keine fettigen Sachen (kein englisches Frühstück!). Eine Banane oder trockene Kekse sind gut. Und schauen Sie auf den Horizont, nicht aufs Handy oder durch den Kamerasucher. Wenn es Ihnen komisch wird: Raus an die frische Luft, ganz hinten ins Boot (da schaukelt es am wenigsten) und Blick starr auf die Felsen.
Kleidung
Auf dem Meer ist es kälter als an Land. Immer. Auch im August. Durch den Fahrtwind kühlt man schnell aus, besonders wenn man nass vom Schwimmen ist. Eine leichte Windjacke gehört in jeden Rucksack.
Wann ist die beste Zeit?
Saison ist eigentlich immer. Da die Grindwale standorttreu sind, können Sie im Januar genauso Glück haben wie im Juli.
Was die Tageszeit angeht: Ich persönlich bevorzuge die frühen Touren (Start 10:00 oder 11:00 Uhr). Der Wind frischt oft gegen Mittag auf, was die See am Nachmittag ruppiger macht. Außerdem ist das Licht am Vormittag schöner für Fotos vor den Felsen, da die Sonne dann direkt auf die Steilwand scheint. Nachmittags liegen die Gigantes oft im eigenen Schatten.
Fazit
Eine Bootstour vor Los Gigantes ist weit mehr als nur „Wale gucken“. Es ist die Kombination aus der fast schon unwirklichen Geologie dieser Steilküste und der Begegnung mit Tieren, die hier wirklich zu Hause sind. Es fühlt sich ursprünglicher an als die lauten Touren im Süden. Wenn Sie dann noch einen kleinen Anbieter wählen, der respektvoll mit den Tieren umgeht, nehmen Sie eine Erinnerung mit, die weit länger hält als der Sonnenbrand.

