Hand aufs Herz: Die meisten Besucher Teneriffas sehen den Teide nur tagsüber. Busse laden Tausende an der Seilbahnstation ab, Selfies werden geknipst, und um 17 Uhr ist der Parkplatz meist leergefegt. Wer dann ins Auto steigt und zurück zur Costa Adeje oder nach Puerto de la Cruz fährt, verpasst meiner Meinung nach das eigentliche Highlight der Insel.
Ich war mittlerweile unzählige Male nachts oben im Nationalpark, und es wird nie langweilig. Dort oben, auf über 2.000 Metern, passiert etwas Physisches mit einem. Die Luft ist dünner, die Stille ist fast drückend (im positiven Sinne), und der Himmel sieht nicht aus wie der Himmel, den wir aus Europa kennen. Er wirkt schwerer, näher.
Teneriffa ist einer der besten Orte weltweit für Astronomie. Das ist kein Marketing-Slogan des Tourismusbüros, sondern liegt an einer meteorologischen Besonderheit, die wir hier „Panza de Burro“ oder schlicht die Passatwolken nennen. Diese Wolkendecke riegelt die Lichtverschmutzung der Küstenstädte ab. Oben ist es dunkel. Richtig dunkel.
Hier ist ein ehrlicher Guide, wie Sie diesen Trip angehen sollten – ohne Kitsch, dafür mit parktischen Tipps, damit Sie nicht oben stehen und vor Kälte zittern (der Anfängerfehler schlechthin).
Warum Sie frieren werden (und warum es sich lohnt)
Lassen Sie uns gleich über den Elefanten im Raum sprechen: die Temperatur. Viele Touristen kommen im August, liegen tagsüber bei 30 Grad am Strand und fahren dann abends in Shorts und T-Shirt hoch zum Teide, um Sterne zu gucken. Nach zehn Minuten sitzen sie wieder im Auto, Heizung auf Stufe 5.
Der Temperatursturz ist brutal. Auf 2.200 Metern Höhe kann es selbst im Sommer nachts einstellig werden. Im Winter? Minusgrade sind keine Seltenheit, Schnee und Eis kommen vor. Dazu weht oft ein trockener, schneidender Wind.
Wenn Sie also hochfahren, packen Sie Kleidung ein, die Sie für einen Herbstspaziergang in Deutschland nutzen würden. Mütze, vielleicht sogar Handschuhe, und definitiv festes Schuhwerk. Lavagestein im Dunkeln mit Flip-Flops zu begehen, ist der schnellste Weg ins Krankenhaus.
Geführte Tour oder auf eigene Faust?
Das ist die Frage, die mir am häufigsten gestellt wird. Beide Optionen haben ihre Berechtigung, aber die Erfahrung ist komplett unterschiedlich.
Die Do-it-Yourself Variante
Wenn Sie einen Mietwagen haben und gerne unabhängig sind, fahren Sie selbst hoch. Der Vorteil ist die absolute Ruhe. Sie können anhalten, wo Sie wollen, und bleiben, solange Sie möchten. Es kostet nichts außer Benzin.
Allerdings gibt es ein paar Dinge zu beachten, wenn Sie selbst fahren:
- Die Straßen (tf-21, tf-24, tf-38) sind kurvig und unbeleuchtet. Katzenaugen am Fahrbahnrand sind Ihre einzigen Orientierungspunkte. Fahren Sie langsam.
- Es gibt keinen Handyempfang in großen Teilen des Nationalparks. Laden Sie sich Karten offline herunter.
- Ohne Teleskop sehen Sie „nur“ mit bloßem Auge. Das ist immer noch überwältigend (die Milchstraße wirft fast Schatten!), aber Sie sehen keine Saturnringe.
Organisierte Sternenbeobachtung
Die Guides bringen meist professionelle Teleskope mit – wir reden hier von Geräten der Klasse Celestron oder Sky-Watcher, die man nicht mal eben im Handgepäck hat. Der Blick durch so ein Rohr auf den Mondkrater oder den Jupiter ist schon eine andere Liga.
Ein guter Guide erklärt Ihnen auch die Konstellationen. Sie lernen, den Polarstern zu finden, und bekommen die griechischen Mythen zu den Sternbildern erzählt. Außerdem servieren einige Anbieter heiße Schokolade oder Wein, was bei 5 Grad Außentemperatur ein echter Lebensretter ist.
Die besten Spots im Nationalpark
Nicht jeder Haltepunkt ist gleich gut geeignet. Manche werden von durchfahrenden Autos geblendet, andere liegen ungünstig im Windschatten der Berge.
Ich habe drei Favoriten, die ich immer wieder ansteuere:
1. Mirador de Chío (Narices del Teide)
Dieser Aussichtspunkt liegt an der TF-38. Hier schauen Sie nach Westen Richtung La Palma. Warum ich diesen Ort liebe? Wegen des Sonnenuntergangs. Kommen Sie eine Stunde vor Sonnenuntergang hierher. Sie sehen, wie die Sonne im Wolkenmeer versinkt, und oft sieht man die Silhouette der Nachbarinseln. Sobald es dunkel wird, ist dieser Spot extrem gut vor der Lichtverschmutzung des Südens geschützt.
2. Minas de San José
Das liegt ziemlich zentral an der TF-21. Die Landschaft hier sieht aus wie auf dem Mars – gelblicher Kies, bizarre Felsformationen. Für Fotografen ist das der Jackpot. Man kann den Vordergrund leicht mit einer Taschenlampe „anmalen“ (Light Painting), während im Hintergrund der Teide und darüber die Milchstraße thronen. Es gibt hier viel Platz, sodass man sich nicht mit anderen Sternguckern auf die Füße tritt.
3. Parador de Cañadas del Teide
Das ist die bequemste Option, direkt beim Hotel Parador. Hier ist meist mehr los, aber der Himmel ist weit offen. Das Amphitheater der Berge rundherum (die Caldera-Wand) schirmt Lichter gut ab. Praktisch ist, dass man hier theoretisch auch etwas essen oder die Toilette nutzen kann (wenn das Café noch offen hat), was mitten in der Wildnis sonst schwierig ist.
Wann ist der beste Zeitpunkt?
Nicht jede Nacht ist gleich gut. Es gibt zwei Hauptfaktoren, die Ihren Trip ruinieren können: der Mond und die Calima.
Der Mond ist der natürliche Feind des Astronomen. Ein voller Mond ist so hell, dass er die Sterne überstrahlt. Sie sehen dann zwar die Landschaft fast wie am Tag, aber die Milchstraße verschwindet. Planen Sie Ihren Ausflug um den Neumond herum. Fünf Tage vor bis fünf Tage nach Neumond sind ideal.
Dann ist da noch die Calima. Das ist der Sandsturm aus der Sahara. Wenn der Wind dreht und Staub aus Afrika rüberweht, wird der Himmel milchig. Die Sicht ist dann trüb, die Sterne wirken unscharf. Checken Sie immer am Morgen den Wetterbericht – lokale Apps zeigen oft den „Calima-Status“ an.
Fotografie-Tipps: So gelingt das Foto der Milchstraße
Jeder will dieses eine Foto haben. Die Kamera aufs Handy-Stativ stellen und hoffen? Das wird nichts. Die Sensoren von Smartphones werden zwar immer besser (der Nachtmodus moderner Geräte ist erstaunlich), aber für ein echtes Astro-Foto brauchen Sie etwas Vorbereitung.
Hier ist mein „Schnellrezept“ für Systemkameras oder DSLRs:
- Das Stativ ist nicht verhandelbar. Jede noch so kleine Bewegung ruiniert das Bild. Wenn es windig ist, hängen Sie Ihren Rucksack als Gewicht an die Mittelsäule.
- Schalten Sie den Autofokus aus. Fokussieren Sie manuell auf einen hellen Stern (Live-View mit Lupe nutzen) oder stellen Sie das Objektiv auf „Unendlich“ (testen Sie das tagsüber, die Markierung auf dem Objektiv ist oft ungenau).
- Versuchen Sie es mit ISO 1600 oder 3200 als Startwert.
- Die Blende muss so weit auf wie möglich (f/2.8 oder niedriger ist super, f/4 geht zur Not auch).
- Belichten Sie etwa 15 bis 20 Sekunden. Wenn Sie länger belichten, werden die Sterne durch die Erdrotation zu kleinen Strichen statt Punkten.
Für Smartphone-Nutzer: Besorgen Sie sich eine kleine Halterung für Autofenster oder ein Mini-Stativ. Nutzen Sie den „Pro-Modus“ oder spezielle Apps für Langzeitbelichtung. Aus der Hand wird das Bild nur schwarzer Brei.
Ein Wort zur „Licht-Etikette“
Wenn Sie an einem der Aussichtspunkte ankommen und dort schon Leute stehen (vielleicht sogar mit Teleskopen), schalten Sie Ihre Scheinwerfer so schnell wie möglich aus. Wenn Sie aussteigen, lassen Sie das Fernlicht Ihres Handys aus.
Dauernd mit der Taschenlampe herumzufuchteln, macht Sie extrem unbeliebt. Unsere Augen brauchen etwa 20 bis 30 Minuten, um sich vollständig an die Dunkelheit zu gewöhnen (Dunkeladaptation). Ein greller Lichtstrahl ins Gesicht, und der Prozess beginnt von vorn. Profis nutzen Taschenlampen mit rotem Licht – das stört die Nachtsicht der Augen nicht. Es gibt sogar Apps fürs Handy, die den Bildschirm komplett rot schalten.
Das Teide-Observatorium
Vielleicht haben Sie die weißen Kuppeln auf dem Bergrücken Izaña gesehen. Das ist das Observatorio del Teide. Es ist eines der wichtigsten Sonnenobservatorien der Welt. Normalerweise kommt man da nicht rein, das ist ein Arbeitsplatz für Astrophysiker.
Es gibt aber spezielle Führungen, meistens tagsüber oder in der frühen Dämmerung. Das ist weniger „romantisches Sterne gucken“ und mehr „harte Wissenschaft“. Sie lernen, wie die riesigen Teleskope funktionieren und was dort erforscht wird (Sonnenstürme, Hintergrundstrahlung). Für Technik-Nerds ist das absolut empfehlenswert. Diese Touren müssen Wochen im Voraus gebucht werden, spontan vorbeifahren funktioniert nicht – da stehen Schranken.
Fazit: Ein Erlebnis, das bleibt
Den Teide nachts zu erleben, erdet einen. Man steht da oben in der Vulkanwüste, es ist totenstill, und über einem spannt sich dieses gigantische Band aus Milliarden von Sonnen. Man fühlt sich winzig klein, und irgendwie ist das ein sehr beruhigendes Gefühl.
Planen Sie diesen Ausflug nicht für den letzten Abend. Wenn dann das Wetter schlecht ist, ärgern Sie sich. Legen Sie es an den Anfang Ihres Urlaubs, checken Sie den Mondkalender, packen Sie die dicke Jacke ein und fahren Sie hoch. Und ganz ehrlich: Selbst wenn Sie kein perfektes Foto der Milchstraße hinbekommen – die Erinnerung an diese Stille nimmt Ihnen keiner mehr.

