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Puerto de la Cruz erleben: Botanischer Garten und Altstadt-Flair

Hand aufs Herz: Warum der Norden Teneriffas anders tickt

Ich sage es meinen Freunden immer wieder, wenn sie ihren Urlaub planen: Wenn ihr 14 Tage lang bei 30 Grad am Pool braten wollt, ohne auch nur eine einzige Wolke am Himmel zu sehen, dann fahrt in den Süden. Las Américas, Costa Adeje – da seid ihr richtig.

Aber Puerto de la Cruz? Das ist eine ganz andere Nummer.

Hier regiert gelegentlich die „Panza de Burro“ – der Eselbauch. So nennen die Einheimischen die dicke Wolkenschicht, die sich oft an den Hängen des Teide festklammert und wie ein Deckel über dem Orotava-Tal liegt. Klingt erstmal nicht nach dem typischen Urlaubsprospekt, oder? Aber genau diese Wolken sind der Grund, warum Puerto de la Cruz atmen kann. Warum es hier grün ist. Warum die Luft nicht nur nach sonnenverbranntem Asphalt riecht, sondern nach Vegetation, Salz und Erde.

Puerto ist für mich die „Grand Dame“ des kanarischen Tourismus. Ein bisschen in die Jahre gekommen an manchen Ecken, sicher. Aber sie hat Charakter, den die sterilen Hotelburgen im Süden oft vermissen lassen. Hier leben echte Canarios, hier wird spanisch geschrien (und gelacht), hier mischt sich der Tourist in Sandalen mit dem Geschäftsmann im Anzug.

Heute nehmen wir uns zwei Ecken vor, die diesen Kontrast perfekt beschreiben: Die absolute Stille im Botanischen Garten oben in La Paz und das wuselige Leben unten in der Altstadt und der Ranilla.

Der „Jardín de Aclimatación de la Orotava“: Mehr als nur Blumen gucken

Die meisten nennen ihn einfach den Botanischen Garten, was geografisch fast schon irreführend ist, weil er eigentlich technisch gar nicht im historischen Zentrum liegt, sondern oben im Stadtteil La Paz. Wenn man vom Zentrum kommt, ist das entweder ein strammer Marsch bergauf (bringt Wasser mit!) oder eine kurze Taxifahrt.

Das Verrückte an diesem Ort ist seine Entstehungsgeschichte. Wir schreiben das Jahr 1788. König Carlos III. hatte eine Idee: Er wollte exotische Pflanzen aus den Kolonien in Amerika und Asien nach Madrid holen, um die königlichen Gärten zu schmücken. Problem: Das Wetter in Madrid ist im Winter eisig und im Sommer brüllend heiß. Die Pflanzen starben wie die Fliegen.

Die Lösung war Teneriffa als Zwischenstation. Eine Akklimatisierungszone. Deswegen heißt er offiziell „Jardín de Aclimatación“. Was ihr hier seht, ist im Grunde ein 200 Jahre altes Experiment, das völlig aus dem Ruder gelaufen ist – im positivsten Sinne.

Der Star der Show: Die Würgefeige

Sobald ihr durch das schunscheinbare Tor geht (Eintritt ist übrigens fast geschenkt, meistens um die 3 Euro, Kleingeld bereithalten), schlägt euch eine andere Luft entgegen. Es ist feuchter, dunkler, kühler.

Ihr werdet automatisch an einem Baum hängenbleiben. Jeder tut das. Es ist eine gigantische Ficus macrophylla, eine großblättrige Feige, die eher aussieht wie ein außerirdisches Wesen. Die Luftwurzeln hängen nicht einfach nur herab; sie sind im Laufe der Jahrhunderte zu massiven Stämmen verwachsen, die sich wie wächserne Vorhänge ausbreiten. Wir reden hier nicht von einem kleinen Bäumchen, sondern von einem Monument.

Ich stand mal eine halbe Stunde davor und habe beobachtet, wie Touristen versuchen, den Baum auf ein Foto zu kriegen. Klappt nicht. Er ist zu gewaltig. Man muss davorstehen, um zu kapieren, welche Kraft die Natur hier hat.

Was man wissen sollte, bevor man hochfährt

Ein paar praktische Beobachtungen aus meinen Besuchen dort:

  • Es gibt kaum Parkplätze direkt vor der Tür. Da ist zwar eine Straße, aber die ist immer voll. Spart euch den Stress und nehmt den Bus (Titsa) bis La Paz oder parkt weiter weg beim Supermarkt und lauft die zehn Minuten.
  • Mückenschutz ist kein Witz. Durch die hohe Vegetation und die Bewässerung ist das Mikroklima dort tropisch. Wer „süßes Blut“ hat, wird sonst zum Buffet.
  • Die Öffnungszeiten sind streng. Um 17:30 oder 18:00 Uhr wird man recht resolut hinauskomplimentiert. Wer erst um 17 Uhr kommt, hat nichts davon. Plant mindestens anderthalb bis zwei Stunden ein, um wirklich runterzukommen.

Es ist kein riesiger Park wie der Loro Parque. Es ist ein Ort der Wissenschaft und der Ruhe. Wer Action sucht, ist hier falsch. Wer mal hören will, wie Stille klingt, wenn sie nur von Vögeln unterbrochen wird, ist hier richtig.

Der Abstieg in den Kessel: La Paz zur Plaza del Charco

Wenn ihr mit dem Garten fertig seid, empfehle ich den Weg zu Fuß nach unten. Es gibt Treppenwege (Camino de las Cabras) oder die breiten Gehwege entlang der Straße. Man läuft quasi auf dem Dach der Stadt und schaut auf den Atlantik. Man sieht von hier oben oft, wie wild die Wellen gegen die Mole von San Telmo hämmern. Das ist der Moment, wo man versteht, warum hier nicht überall weicher Sandstrand ist – der Ozean ist hier rau und direkt.

Der Puls der Stadt: Plaza del Charco und der Hafen

Unten angekommen, landet ihr zwangsläufig an der Plaza del Charco. Das ist das Wohnzimmer von Puerto de la Cruz. Manche Reiseführer schreiben was von „touristischem Zentrum“, aber das stimmt nur halb. Ja, hier gibt es Restaurants mit Bildern auf der Speisekarte (meistens kein gutes Zeichen), aber schaut mal genauer hin.

Auf den Bänken unter den Lorbeerbäumen sitzen die alten Männer von Puerto. Zigarre im Mundwinkel, flache Mütze, und es wird diskutiert, als ginge es um Leben und Tod. Meistens geht es nur um Fußball oder die lokale Politik. Kinder rennen herum, Tauben nerven – es ist laut, lebendig und herrlich normal.

Mein Tipp: Setzt euch nicht direkt in die großen Restaurants am Platz, wenn ihr gut essen wollt. Geht für einen Kaffee an den Kiosk in der Mitte der Plaza (wenn er offen hat) oder kauft euch ein Eis und setzt euch einfach auf die Mauer.

Der alte Hafen (Muelle)

Nur ein paar Schritte weiter riecht es nach Fisch und Salzwasser. Der kleine Hafen ist das Herzstück der Identität von Puerto. Bevor die Touristen kamen, war das hier ein reines Fischerdorf. Und es ist immer noch einer. Ihr könnt morgens sehen, wie der Fang reinkommt.

Da gibt es die kleine Bucht mit schwarzem Sand und Kieseln direkt in der Hafenmauer. Die Einheimischen baden hier. Es ist kein schicker Strand mit Liegenverleih. Hier legt man sein Handtuch auf die Mauer, springt ins kühle Wasser und klettert wieder raus. Authentischer wird’s nicht.

La Ranilla: Wo die Farben explodieren

Wenn ihr vom Hafen aus nach Westen blickt (also mit dem Meer im Rücken nach links), kommt ihr in das Viertel La Ranilla. Früher war das die Ecke der armen Fischer. „Ranilla“ heißt kleiner Frosch – vielleicht wegen des Lärms oder weil es nah am Wasser lag.

Vor ein paar Jahren war das hier noch ziemlich heruntergekommen. Heute? Es ist meiner Meinung nach der schönste Teil der Stadt. Alles ist Fußgängerzone. Die Häuser sind niedrig, maximal zwei Stockwerke, und bunt gestrichen. Aber nicht kitschig bunt, sondern kanarisch bunt – Ocker, Terrakotta, Blau.

Puerto Street Art

Was La Ranilla wirklich verändert hat, war das Street Art Projekt („Puerto Street Art“). Man läuft durch die Calle Mequinez und plötzlich starrt einen von einer riesigen Hauswand ein fotorealistisches Gesicht an. Das sind keine Schmierereien, das sind Kunstwerke von internationalen Größen wie Roa oder Belin.

Es macht Spaß, sich hier einfach treiben zu lassen. Die Calle Mequinez ist die Hauptschlagader. Hier reiht sich ein Restaurant an das nächste. Und hier ist die Qualität meistens deutlich besser als direkt an der Uferpromenade.

Hier sind ein paar Beobachtungen zur Gastronomie in der Ranilla:

  • Es gibt diesen einen Trend zu „Fancy Tapas“, der gerade um sich greift. Das ist lecker, aber oft zahlt man für das Design auf dem Teller extra. Wer es rustikal mag, muss oft in die Seitenstraßen ausweichen.
  • Haltet Ausschau nach Läden, wo es laut ist und eng. Wenn da Leute an der Theke stehen und ihren Wein im Stehen trinken, ist das Essen meistens gut.
  • Vegetarier haben es hier leichter als im harten Süden. Puerto ist irgendwie „alternativer“, da gehört Gemüse, das nicht nur Beilage ist, mittlerweile zum guten Ton.

Ein Wort zum Wetter und zur Kleidung

Ich kann es nicht oft genug sagen, weil ich schon so viele Leute in Shorts und Tanktop habe frieren sehen: Puerto de la Cruz hat Launen. Wenn ihr morgens in der Sonne frühstückt, kann es sein, dass um 14 Uhr die Wolkenfront reinzieht und die Temperatur gefühlt um 4 Grad fällt.

Der Wind vom Atlantik ist nicht zu unterschätzen. Besonders abends in der Altstadt, wenn die Brise durch die Gassen zieht. Der „Zwiebel-Look“ ist hier keine Modeentscheidung, sondern Überlebensstrategie. Eine leichte Jacke oder ein Hoodie gehört in den Rucksack, auch im Juli. Glaubt mir einfach.

Fazit: Für wen ist Puerto eigentlich?

Diese Kombination aus Botanischem Garten oben und Altstadt unten fasst Teneriffa für mich perfekt zusammen. Es ist dieser Mix aus fast dschungelartiger Natur und gewachsener Kultur. Puerto de la Cruz versucht nicht krampfhaft, Miami Beach zu sein. Es ist eine spanische Stadt am Atlantik, die zufällig auch Touristen beherbergt.

Wenn ihr Neonlichter, Schaumpartys und englisches Frühstück an jeder Ecke sucht, werdet ihr hier vielleicht wahnsinnig vor Langeweile. Wenn ihr aber morgens unter einem 200 Jahre alten Ficus stehen wollt und abends bei einem Glas lokalem Wein (der Listán Negro ist super) Straßenkunst gucken möchtet, dann werdet ihr diesen Ort kaum wieder verlassen wollen.

Und wenn doch mal die Sonne nicht scheint: Geht einfach in eine der vielen Cafeterías, bestellt einen Zaperoco (das ist ein Barraquito, aber fragt bloß nicht nach Barraquito, das sagt man im Süden – hier im Norden heißt der Zaperoco) und schaut dem Treiben zu. Besser als jedes Fernsehprogramm.

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