Mal ganz ehrlich: Wenn Sie an Teneriffa denken, ploppen wahrscheinlich sofort Bilder vom Teide, vollen Stränden in Las Américas oder vielleicht dem Loro Parque im Kopf auf. Das ist auch völlig okay. Aber wenn man hier eine Weile lebt oder sich wirklich für das Mark der Insel interessiert, merkt man schnell, dass unter der Oberfläche der Ferienbunker eine Geschichte brodelt, die, gelinde gesagt, unheimlich spannend und voller Rätsel ist.
Wir reden hier nicht über trockene Geschichtsbücher. Wir reden über die Guanchen. Ein Volk, das noch in der Steinzeit lebte, während in Europa schon Kathedralen gebaut wurden, und das den Spaniern einen Kampf lieferte, der sich gewaschen hat. Wer den heutigen „Vibe“ von Teneriffa verstehen will, muss zwei Orte im Südosten besuchen: Die Pyramiden von Güímar und die Basilika von Candelaria. Nehmen Sie sich einen Mietwagen, fahren Sie die TF-1 runter und lassen Sie uns mal schauen, was da wirklich los ist.
Die Pyramiden von Güímar: Bauernhaufen oder antike Astro-Tempel?
Fährt man die Autobahn Richtung Süden und nimmt die Abfahrt ins Güímar-Tal, landet man in einer Gegend, die landschaftlich eher trocken und steinig wirkt. Genau hier stehen sechs Stufenpyramiden aus Lavastein. Und genau hier spalten sich die Geister der Gelehrten so massiv wie kaum irgendwo anders auf den Kanaren.
Ich erinnere mich an meinen ersten Besuch dort. Es war brütend heiß, die Sonne knallte unbarmherzig auf den schwarzen Stein, und ich stand vor diesen Bauwerken und dachte: „Okay, das sieht nicht aus, als hätte ein Bauer das mal eben beim Feldpflügen aufgestapelt.“
Der „Heyerdahl-Faktor“
Man kann über Güímar nicht sprechen, ohne Thor Heyerdahl zu erwähnen. Sie wissen schon, der Norweger mit der Kon-Tiki, der mit einem Balsaholzfloß über den Pazifik geschippert ist. Heyerdahl war besessen von der Idee, dass es schon lange vor Kolumbus transatlantische Verbindungen gab. Als er Anfang der 90er Jahre Fotos von diesen Steinhaufen auf Teneriffa sah, zog er quasi sofort hierher.
Für die akademische Welt auf den Kanaren – speziell die Universität von La Laguna – waren das lange Zeit einfach nur „Steinterrassen“, wo Bauern Steine abgeladen haben, um an den Boden drunter zu kommen. Heyerdahl hielt dagegen:
- Schauen Sie sich die Ecksteine an. Die sind bearbeitet. Ein Bauer, der nur Geröll loswerden will, macht sich nicht die Mühe, die Kanten zu behauen und die Ecken perfekt im Winkel auszurichten.
- Der Boden zwischen den Pyramiden wurde planiert. Man fand Asche und Obsidianwerkzeuge, aber seltsamerweise keine Überreste typischer landwirtschaftlicher Nutzung in den unteren Schichten.
- Die astronomische Ausrichtung ist das stärkste Argument. Zur Sommersonnenwende können Sie von der Hauptpyramide aus einen „Doppel-Sonnenuntergang“ erleben. Die Sonne verschwindet hinter einem Berggipfel, taucht kurz wieder auf und geht dann endgültig hinter dem nächsten Gipfel unter. Das ist kein Zufall, sowas plant man.
Ich habe mir das Gelände im Ethnografischen Park Pirámides de Güímar genau angesehen. Es ist top gepflegt, fast schon zu sauber. Man läuft durch diesen Park und fragt sich die ganze Zeit: War das hier ein ritueller Ort der Guanchen? Oder vielleicht sogar von Leuten, die noch *vor* den Guanchen da waren? Oder hat Heyerdahl einfach nur das gesehen, was er sehen wollte?
Fakt ist: Niemand weiß es zu 100 %. Die Guanchen haben keine schriftlichen Aufzeichnungen hinterlassen. Aber wenn man da oben steht, mit dem Blick auf den Atlantik, spürt man eine gewisse Schwere. Es ist ein Ort, der Fragen stellt, statt Antworten zu geben.
Nicht nur Steine: Das Museum und der Giftgarten
Falls Sie hinfahren (und das sollten Sie), planen Sie genug Zeit für das Museum ein. Es ist nicht riesig, aber es zeigt verdammt gut Parallelen zu anderen Pyramidenkulturen – von Mexiko bis Mesopotamien. Was mich aber bei meinem letzten Trip fast mehr fasziniert hat, war der „Jardín Venenoso“ – der Giftgarten.
Hier wachsen über 70 giftige Pflanzenarten. Es ist irgendwie bizarr und passt zur mysteriösen Stimmung der Pyramiden. Man läuft an hübschen Blüten vorbei und liest dann auf dem Schild, dass ein einziger Samen einen erwachsenen Mann umhauen kann. Man bekommt Respekt vor der Natur, ähnlich wie die Guanchen ihn wohl hatten.
Candelaria: Wo die katholische Jungfrau auf die Guanchen-Göttin trifft
Nur ein paar Kilometer weiter nördlich, direkt an der Küste, liegt Candelaria. Wenn Güímar das Hirn anregt, dann zielt Candelaria direkt aufs Herz – oder auf die Seele, je nachdem, wie spirituell Sie veranlagt sind. Candelaria ist so etwas wie der Vatikan der Kanaren, nur mit mehr Meeresbrise und weniger Schweizer Garde.
Der erste Eindruck, wenn man auf die Plaza de la Patrona de Canarias tritt, ist die Wucht des Ozeans. Die Wellen klatschen hier oft ziemlich heftig gegen die Mauer, und direkt davor steht die Basilika mit ihrem Glockenturm, der ein wenig wirkt, als würde er Wache halten.
Die Legende der Schwarzen Madonna
Hier wird es historisch richtig wild. Lange bevor die spanischen Eroberer (die Conquistadoren) Teneriffa unterwarfen, fanden zwei Guanchen-Hirten am Strand von Chimisay eine Holzstatue einer Frau, die ein Kind trug und eine Kerze hielt.
Die Guanchen wussten nicht, was das Christentum ist. Für sie war diese Figur heilig, aber sie nannten sie Chaxiraxi – die Mutter der Welt, diejenige, die die Sonne hält. Sie stellten sie in eine Höhle und verehrten sie.
Als die Spanier später kamen und sahen, dass die „Wilden“ bereits eine Marienfigur anbeteten, nutzten sie das natürlich sofort für ihre Missionierung: „Seht her, das ist die Jungfrau Maria, ihr seid eigentlich schon Christen!“
Das Original der Statue ist übrigens 1826 bei einer Sturmflut weggespült worden – eine Tragödie für die Insel. Die heutige Statue in der Basilika ist eine Kopie, aber die Verehrung ist ungebrochen. Wenn Sie am 14. oder 15. August hier sind, machen Sie sich auf was gefasst. Tausende Pilger laufen zu Fuß aus dem Norden und Süden der Insel hierher. Ich habe Freunde, die das jedes Jahr machen, Blasen an den Füßen inklusive. Es ist ein Volksfest, tief religiös, aber auch laut und fröhlich, wie es eben auf Teneriffa üblich ist.
Die Wächter am Meer: Die Menceyes
Mein persönliches Highlight in Candelaria ist aber nicht unbedingt die Kirche von innen (obwohl der Altarraum mit der Madonna schon beeindruckend ist), sondern das, was draußen am Ufer steht.
Dort stehen neun riesige Bronzestatuen. Das sind die Menceyes – die neun Guanchen-Könige, die Teneriffa regierten, als die Spanier 1494 landeten. Die Statuen sind mächtig. Sie strotzen vor Kraft, halten ihre Waffen in den Händen und blicken ernst.
Es lohnt sich, hier mal genau hinzuschauen, denn jeder König steht für ein anderes Territorium (Menceyato) und hat seinen eigenen Charakter:
- Bencomo war der mächtigste unter ihnen, der König von Taoro (dem heutigen Orotava-Tal). Er war derjenige, der den Spaniern den härtesten Widerstand leistete. Wenn man vor seiner Statue steht, hat man das Gefühl, er würde gleich losbrüllen.
- Añaterve von Güímar, der Friedliche (oder der Verräter, je nachdem wen man fragt), schloss als Erster einen Pakt mit den Spaniern, weil er hoffte, so sein Volk zu schonen.
- Tegueste, Beneharo und die anderen – sie alle symbolisieren eine verlorene Welt. Ihre Posen sind heldenhaft, aber wir wissen alle, wie die Geschichte ausging. Die Spanier hatten Musketen, Pferde und Krankheiten. Die Guanchen hatten Steine, Holzspeere und ihren Mut.
Es ist eine seltsame Ironie, dass diese heidnischen Könige heute direkt vor der heiligsten katholischen Kirche der Insel Wache stehen. Aber genau das ist Teneriffa: Ein Schmelztiegel. Das Blut der Guanchen fließt in vielen heutigen Tinerfeños weiter, und diese Statuen sind ein stolzes Bekenntnis zu dieser Wurzel.
Praktische Tipps für Ihren Besuch
Sie wollen diese Geschichte selbst erleben? Hier ein paar Dinge, die ich Ihnen aus Erfahrung mitgeben kann, damit der Ausflug kein Reinfall wird.
Verbinden Sie beide Orte. Sie liegen nur etwa 15 bis 20 Autominuten voneinander entfernt. Fangen Sie morgens in Güímar an. Der Park öffnet meist um 10:00 Uhr. Je früher Sie da sind, desto kühler ist es. Zwischen den Lavasteinen staut sich die Hitze nämlich gewaltig, da hilft auch der Atlantikwind kaum. Und nehmen Sie Wasser mit, die Cafeteria dort ist okay, aber man wird durstig beim Laufen.
Fahren Sie gegen Mittag nach Candelaria weiter. Parken ist dort… sagen wir, „interessant“. Direkt an der Basilika einen Parkplatz zu finden, gleicht einem Lottogewinn. Fahren Sie lieber gleich in die Seitenstraßen etwas weiter oben oder nutzen Sie das Parkhaus am Ortseingang. Das spart Nerven.
In Candelaria gibt es direkt an der Fußgängerzone haufenweise Restaurants. Viele sind reine Touristenfallen mit überteuerten Tapas. Gehen Sie lieber ein paar Meter weg vom Hauptplatz in die hinteren Gassen. Dort sitzen die Einheimischen, essen Churros mit Schokolade oder frischen Fisch („Pescado fresco“), und die Preise sind halb so wild.
Und noch was: Wenn Sie die Basilika betreten wollen, denken Sie an angemessene Kleidung. Mit Badehose und Bikini direkt vom Strand reinlaufen, kommt hier gar nicht gut an. Die Wächter sind da ziemlich strikt, und es ist schließlich immer noch ein aktives Gotteshaus.
Ein Fazit, aber kein Abschied
Die Geschichte der Guanchen ist tragisch und faszinierend zugleich. In Güímar spürt man das Rätselhafte, das Unbekannte dieser Kultur. Waren sie Astronomen? Hatten sie Kontakt zu anderen Welten? In Candelaria spürt man ihr Erbe und wie es sich mit der spanischen Kultur vermischt hat.
Wenn Sie also Ihren Urlaub bei uns buchen – sei es nun die Finca im Norden oder das Apartment im Süden – nehmen Sie sich diesen einen Tag Zeit für die Geschichte. Es erdet einen. Man sieht die Insel danach mit anderen Augen, wenn man weiß, dass auf diesem Boden einst Könige in Ziegenfellen regierten, die den Sternen folgten und ihre eigene Muttergöttin im Rauschen des Meeres hörten.

