Kennen Sie diesen Moment, wenn Sie auf der Autobahn TF-1 im Süden starten, die Sonne brennt bei 28 Grad, und eine Stunde später steigen Sie im Norden aus und suchen hektisch nach Ihrem Pullover? Willkommen auf Teneriffa. Die echte Insel, nicht die Postkarten-Version.
Die meisten Touristen, die ich treffe, bleiben brav in ihren All-Inclusive-Bunkern im Süden. Schade eigentlich. Denn der wilde, grüne, manchmal auch regnerische Norden ist das, was Teneriffa wirklich ausmacht. Und wenn wir über den Norden reden, kommen wir an drei Namen nicht vorbei: Garachico, Icod de los Vinos und dieser verflixte Drachenbaum, den jeder sehen will.
Ich nehme Sie mal mit auf eine Tour, wie ich sie meinen Freunden zeige, wenn sie zu Besuch kommen. Ohne Reiseführer-Geschwafel, dafür mit ein paar echten Warnungen (besonders was die Parkplatzsuche angeht).
Der Weg ist das Ziel (und manchmal eine Geduldsprobe)
Wer von Costa Adeje oder Playa de las Américas kommt, muss sich entscheiden: Die schnelle Route über die Autobahn oder die Serpentinen durch das Teno-Gebirge über Masca. Mein Rat? Nehmen Sie die Autobahn, wenn Sie einen schwachen Magen haben. Die Strecke über Santiago del Teide ist spektakulär, ja, aber nach der zwanzigsten Haarnadelkurve und dem dritten Reisebus, der die Straße blockiert, vergeht einem manchmal die Lust auf Romantik.
Sobald Sie auf die Nordseite wechseln, merken Sie es sofort: Die Luft ist anders. Feuchter. Es riecht nach Erde, nach Bananenstauden und Salzwasser. Hier ist alles grün, und das kommt nicht von ungefähr – der „Chirimiri“ (dieser feine Nieselregen) ist hier Stammgast.
Garachico: Schönheit aus der Katastrophe
Ehrlich gesagt, Garachico ist mein persönlicher Favorit. Aber man muss die Geschichte kennen, um den Ort zu verstehen. Bis 1706 war das hier der wichtigste Hafen der Insel. Das Tor zur Welt. Händler wurden reich, Paläste wurden gebaut. Dann spuckte der Volcán Negro Lava, und zwar wochenlang. Der Hafen? Weg. Der Reichtum? Begraben.
Was heute da steht, ist das Ergebnis von sturherzigem Wiederaufbau. Die Einwohner haben die Lava nicht abgetragen, sie haben einfach darauf weitergelebt.
Die Sache mit den Naturpools (El Caletón)
Jeder Reiseführer schwärmt von den Piscinas Naturales. Und ja, sie sind toll. Lavazungen, die ins Meer ragen und Becken geformt haben, in denen man sicher baden kann, während der Atlantik draußen gegen die Felsen hämmert.
Aber hier ist die Realität:
- Im August liegen die Leute hier wie Sardinen in der Dose. Handtuch an Handtuch.
- Das Wasser ist kalt. Nicht „erfrischend“, sondern kalt.
- Badeschuhe sind keine modische Entscheidung, sondern Überlebenswichtig. Die Lavafelsen sind scharfkantig und extrem rutschig. Ich habe genug aufgeschürfte Knie gesehen, um das zu wissen.
Wenn die rote Flagge weht, gehen Sie nicht rein. Ernsthaft. Die Wellen im Norden haben eine Kraft, die man vom Strand aus gerne unterschätzt.
Ein Spaziergang durch die Gassen
Vergessen Sie das Auto. Parken Sie es irgendwo am Ortseingang (am alten Fußballfeld ist oft Platz) und laufen Sie. Die Plaza de la Libertad ist einer der schönsten Plätze der Kanaren. Es gibt dort einen kleinen Kiosk unter riesigen Bäumen. Setzen Sie sich, bestellen Sie einen Barraquito (aber den richtigen, mit Likör und Zitrone) und schauen Sie sich die Kirche Santa Ana an.
Kleines Detail am Rande: Achten Sie mal auf die Eingangstüren der alten Häuser. Viele sind so breit gebaut, dass man früher fast mit der Kutsche reinfahren konnte. Das Holz ist oft dunkles Kernholz der Kanarischen Kiefer – unkaputtbar und heute unbezahlbar.
Icod de los Vinos: Mehr als nur der Baum
Ein paar Kilometer weiter östlich liegt Icod. Der Name sagt es schon: Hier dreht sich vieles um Wein. Die Stadt klebt förmlich am Hang. Das bedeutet, Sie laufen entweder steil bergauf oder steil bergab. Flach ist hier gar nichts.
Die Architektur ist typisch kanarisch: Holzbalkone, weißer Putz, rote Ziegel. Aber seien wir ehrlich, die meisten Leute halten hier nur aus einem Grund an: Dem Drago Milenario.
Der Drachenbaum: Touristenfalle oder Pflichtprogramm?
Da steht er also. Der Tausendjährige Drachenbaum. Wobei Botaniker immer wieder Spielverderber sind und sagen, er sei wahrscheinlich eher 800 Jahre alt. Aber wen interessieren schon 200 Jahre, wenn man davor steht?
Das Ding ist massiv. Es ist übrigens kein Baum im biologischen Sinne, sondern ein Liliengewächs – salopp gesagt eine überdimensionierte Zimmerpflanze. Wenn man ihn anritzt (bitte nicht machen!), ist der Saft rot. Früher dachte man, es sei Drachenblut mit magischen Kräften. Heute wissen wir, es ist einfach nur oxidierender Pflanzensaft, der früher als Färbemittel genutzt wurde.
Jetzt der Insider-Tipp, den Ihnen die Souvenirshops nicht verraten wollen:
Muss man Eintritt zahlen und in den Parque del Drago gehen? Kommt drauf an. Wenn Sie den Baum aus nächster Nähe sehen wollen und den kleinen botanischen Garten drumherum mögen – ja, machen Sie das. Es ist schön angelegt.
Aber wenn Sie einfach nur ein gutes Foto wollen: Gehen Sie auf den Kirchplatz der Iglesia de San Marcos direkt oberhalb. Von der Mauer dort haben Sie den fast besseren Blick – umsonst. Und Sie stehen direkt neben einer Kirche, die selbst absolut sehenswert ist. Drinnen gibt es ein Silberkreuz aus Mexiko, das ist über zwei Meter groß. Ziemlich beeindruckend.
Direkt neben dem Drachenbaum gibt es das Mariposario (Schmetterlingshaus). Klingt kitschig, ist aber überraschend gut, besonders wenn man Kinder dabei hat, die nach der dritten Kirche anfangen zu quengeln.
Essen, Trinken und der „Guachinche“-Faktor
Im Norden isst man anders als im Süden. Deftiger. Ehrlicher. Hier finden Sie die echten Guachinches. Das waren ursprünglich Garagen, in denen Winzer ihren eigenen Wein ausgeschenkt haben, dazu gab’s ein einfaches Essen.
Heute sind viele davon reguläre Restaurants, aber der Geist lebt weiter. In der Gegend um Icod und La Orotava sollten Sie nach Schildern Ausschau halten, die handgemalt an der Straße stehen.
Was Sie probieren sollten:
- Carne Fiesta: Marinierte Schweinefleischwürfel, fritiert mit Pommes. Fettig, knoblauchlastig, genial.
- Gofio Escaldado: Eine Art Brei aus geröstetem Maismehl und Fischbrühe. Sieht aus wie Zement, schmeckt aber nach Meer und Tradition. Die Einheimischen essen das zum Start, um den Magen „zu versiegeln“.
- Den Wein natürlich: Der Weiße aus Icod ist oft blumig und hat ordentlich Umdrehungen. Vorsicht, wenn Sie noch fahren müssen. Die Straßen sind kurvig.
Immobilien im Norden: Eine ganz eigene Welt
Da wir uns auf unserer Seite ja auch mit Immobilien beschäftigen, vielleicht ein kurzes Wort dazu, falls Sie sich verlieben (passiert öfter, als Sie denken).
Ein Haus in Icod oder Garachico zu kaufen, ist nicht dasselbe wie ein Apartment in Los Cristianos. Hier oben kaufen Sie „das echte Leben“. Die Häuser sind oft älter, haben dickere Wände (gut gegen die Sommerhitze, aber im Winter kann es klamm werden). Man braucht oft eine Heizung oder einen Kamin – etwas, woran man im Süden nie denkt.
Aber dafür bekommen Sie hier noch Fincas mit echtem Land. Orte, wo Sie Ihre eigenen Orangen pflücken können. Der Markt hier ist langsamer, weniger spekulativ. Man kauft hier eher, um zu leben, nicht um wochenweise an Touristen zu vermieten.
Meine ehrliche Route für einen Tagestrip
Wenn Sie nur einen Tag haben, machen Sie es so:
Starten Sie früh. Seien Sie gegen 10:00 Uhr in Icod. Schauen Sie sich den Drachenbaum an, trinken Sie einen Kaffee auf dem Kirchplatz. Dann weiter zur Cueva del Viento (unbedingt vorher reservieren!). Das ist eine der längsten Lavaröhren der Welt. Man läuft dort drin im Dunkeln mit Helm rum – absolut irre Erfahrung.
Gegen Mittag fahren Sie runter nach Garachico. Jetzt ist es hoffentlich warm genug für die Naturpools. Danach Mittagessen im „Bodegón Las Vistas“ oder direkt im Ort bei „Los Pinos“.
Und dann? Fahren Sie weiter westlich Richtung Los Silos und Buenavista del Norte. Die Straße führt durch Bananenplantagen, soweit das Auge reicht. Am Ende der Welt (oder zumindest der Insel) liegt der Leuchtturm von Punta de Teno. Aber Achtung: Die Zufahrt ist oft tagsüber gesperrt. Man muss den Bus nehmen. Lohnt es sich? Wenn Sie dramatische Klippen und glasklares Wasser mögen: Auf jeden Fall.
Fazit?
Garachico und Icod sind keine Orte für Leute, die „Party Hard“ suchen. Es sind Orte mit Seele. Manchmal ist das Wetter mies, manchmal findet man keinen Parkplatz und flucht über die engen Einbahnstraßen.
Aber dann sitzt man abends an der Küste, schaut zu, wie die Sonne hinter den bizarren Felsformationen von Garachico im Meer versinkt, hat den Geschmack von salzigem Fisch und lokalem Wein auf der Zunge und denkt sich: Ja, genau so muss sich Urlaub anfühlen.

