Hand aufs Herz: Wenn die meisten an Teneriffa denken, haben sie Poolbars, „All-Inclusive“-Bändchen und vielleicht den Teide im Kopf. Aber das Anaga-Gebirge? Das ist eine völlig andere Welt. Es ist der Ort, an dem man sich kneifen muss, um sicherzugehen, dass man nicht versehentlich am Set von Jurassic Park gelandet ist, nur ohne die Dinosaurier – dafür aber mit einer Feuchtigkeit, die einem in die Knochen kriecht.
Ich lebe nun schon eine ganze Weile auf und mit dieser Insel, aber die Fahrt von den trockenen Ebenen des Südens hinauf in den nebligen Norden ist jedes Mal wieder ein kleiner Kulturschock. Man fährt bei 25 Grad und strahlendem Sonnenschein los, und kaum hat man La Laguna passiert und schraubt sich die TF-12 hoch, fällt das Thermometer. Plötzlich sieht man die Hand vor Augen kaum, weil die Passatwolken – wir nennen das hier den „Vigilante“, den Wächter – an den Gipfeln hängen bleiben.
Hier oben regieren nicht die Pauschaltouristen, sondern Moose, Farne und knorrige Bäume, die aussehen, als hätten sie Gesichter. Willkommen im Anaga-Gebirge, dem ältesten Teil Teneriffas.
Warum dieser Wald eigentlich gar nicht hier sein dürfte
Man muss kein Biologe sein, um zu merken, dass das hier etwas Besonderes ist. Der Lorbeerwald, oder Laurisilva, ist ein lebendes Fossil. Vor gut 20 Millionen Jahren bedeckten diese Wälder große teile Südeuropas und Nordafrikas. Dann kamen die Eiszeiten, und überall sonst verschwand dieser Urwald. Nur hier, auf den makaronesischen Inseln (Kanaren, Madeira, Azoren), hat er überlebt. Warum?
Wegen des horizontalen Regens.
Das klingt komisch, ist aber der Grund, warum hier alles trieft, selbst wenn es gar nicht „regnet“. Die Passatwinde drückten die feuchten Wolken gegen die steilen Hänge des Anaga-Massivs. Die Bäume „melken“ diese Wolken förmlich. Das Wasser kondensiert an den Blättern und tropft zu Boden. Wenn Sie also unter einem Baum stehen und nass werden, obwohl der Himmel eigentlich gar nicht so dunkel aussieht – das ist die Melk-Technik der Natur. Ohne diesen Effekt wäre Teneriffa eine reine Wüste.
Vorbereitung ist alles (oder: Warum Flip-Flops hier lebensgefährlich sind)
Ich sehe es immer wieder am Mirador Cruz del Carmen: Touristen, die direkt vom Strand kommen, in Sandalen und Shorts, und dann frierend im Nebel stehen. Machen Sie diesen Fehler nicht. Das Anaga-Gebirge verzeiht wenig.
- Das „Zwiebel-Prinzip“ ist hier keine Mode, sondern Notwendigkeit. Innerhalb von 30 Minuten kann sich das Wetter von schwül-warm zu nass-kalt ändern. Eine leichte Regenjacke gehört immer in den Rucksack, egal wie blau der Himmel in Santa Cruz aussieht.
- Die Wege sind oft rutschig. Nicht einfach nur nass, sondern schmierig wie Schmierseife, besonders auf dem rötlichen Lehmboden. Wer hier ohne Profil an den Schuhen unterwegs ist, riskiert mehr als nur einen dreckigen Hosenboden. Knöchelhohe Wanderschuhe sind Gold wert.
- Handyempfang ist Glückssache. Laden Sie sich Kartenmaterial offline herunter. Google Maps funktioniert auf den Hauptstraßen gut, aber auf den Wanderwegen? Verlassen Sie sich lieber nicht darauf.
Die Sache mit den Genehmigungen (El Pijaral)
Bevor wir zu den Routen kommen, muss ich ein ernstes Wort zum Thema El Pijaral verlieren, oft auch als der „Zauberwald“ (Bosque Encantado) bezeichnet. Dieser Wanderweg ist mittlerweile so Instagram-berühmt geworden, dass die Inselregierung die Notbremse ziehen musste.
Sie dürfen dort nicht einfach so wandern. Es ist ein striktes Naturschutzgebiet (Reserva Natural Integral).
Sie brauchen eine Genehmigung, die man online reservieren muss – und zwar oft Monate im Voraus, da nur 45 Personen pro Tag zugelassen sind. Ich treffe immer wieder Leute, die sagen: „Ach, ich geh einfach früh morgens, das merkt keiner.“
Mein Rat: Lassen Sie es bleiben. Die Ranger kontrollieren, und sie kontrollieren oft. Die Strafe liegt bei bis zu 600 Euro. Kein Foto ist 600 Euro wert, zumal es im Anaga-Gebirge Dutzende andere Wege gibt, die genauso magisch sind und keinen Cent kosten.
Meine persönlichen Favoriten-Routen
Vergessen Sie für einen Moment die Standard-Empfehlungen aus den großen Reiseführern. Hier sind die Strecken, die ich laufe, wenn ich den Kopf freibekommen will oder Freunden die Insel zeige.
1. Der Klassiker für Einsteiger: Sendero de los Sentidos
Wenn Sie wenig Zeit haben oder mit Kindern unterwegs sind, starten Sie am Cruz del Carmen. Der „Weg der Sinne“ ist teilweise sogar als Holzsteg ausgebaut. Ja, hier ist viel los. Reisebusse spucken hier oft ihre Ladungen aus. Aber wenn man den längsten der drei kleinen Rundwege nimmt (Abschnitt 3), wird es schnell ruhiger. Man bekommt einen sofortigen, intensiven Eindruck vom tiefen Lorbeerwald, ohne stundenlang bergauf keuchen zu müssen. Riechen Sie mal bewusst an der Luft – dieser modrige, süßliche Duft ist einzigartig.
2. Für das echte Dorf-Feeling: Afur nach Taganana
Das ist schon eine andere Hausnummer. Die Wanderung verbindet zwei der ursprünglichsten Dörfer im Anaga. Afur liegt tief in einer Schlucht – die Anfahrt allein ist schon ein Abenteuer für den Magen (Kurve, Kurve, Kurve). Der Weg führt durch den Barranco de Afur, immer am bachlauf entlang (einer der wenigen Orte auf Teneriffa, wo ganzjährig Wasser fließt), bis hinunter zum Strand von Tamadite.
Vorsicht am Strand: Gehen Sie hier keinesfalls schwimmen. Die Strömungen an der Nordküste sind mörderisch. Vom Strand aus geht es steil hinauf und an der Küste entlang bis ins Weindorf Taganana. Planen Sie hierfür einen ganzen Tag ein und organisieren Sie den Rücktransport, da es kein Rundweg ist (außer Sie sind extrem fit und laufen alles zurück).
3. Höhlenleben: Chinamada
Vom Aussichtspunkt Cruz del Carmen kann man bis nach Chinamada wandern. Das Besondere an diesem kleinen Ort? Viele der Einwohner leben noch heute in modernen Höhlenwohnungen. Das ist keine Show für Touristen, das ist hier einfach klimatisch sinnvoll – im Sommer kühl, im Winter warm. Der Weg dorthin bietet spektakuläre Ausblicke auf die steilen Klippen. Hier versteht man erst richtig, wie schroff diese Insel eigentlich ist. In Chinamada gibt es ein kleines Restaurant, das Restaurante La Cueva. Wenn die noch ihren Ziegenkäse oder den Puchero (Eintopf) auf der Karte haben: Bestellen. Sofort.
Essen und Trinken: Mehr als nur Kalorien nachfüllen
Wandern im Anaga macht hungrig. Und wer Teneriffa verstehen will, muss „Guachinches“ oder die lokalen Dorfkneipen besuchen. Hier oben ist das Essen deftig. Wir reden von Ropa Vieja (Kichererbsen mit Fleisch), Carne de Cabra (Ziegenfleisch) oder dem berühmten Conejo en Salmorejo (Kaninchen in pikanter Soße).
Ein persönlicher Tipp, wenn Sie in der Gegend um Taganana oder Benijo sind: Probieren Sie Fisch. Frisch gefangen, oft nur mit „Papas Arrugadas“ (den runzligen Kartoffeln) und Mojo-Soße serviert. Aber fragen Sie vorher nach dem Preis, wenn „pescado fresco“ auf der Tafel steht – der wird oft nach Gewicht berechnet und kann die Rechnung unerwartet in die Höhe treiben.
In der Nähe von Cruz del Carmen gibt es das Restaurant „Casa Carlos“. Solide Küche, aber oft voll. Wenn Sie es etwas rustikaler mögen, fahren Sie ein Stück weiter in die kleineren Weiler. Dort, wo die Einheimischen an der Theke ihren „Barraquito“ (Kaffee mit Likör und Kondensmilch) trinken, schmeckt es meist am besten.
Die logistische Herausforderung: Parken und Fahren
Das ist der Teil, den die Hochglanzbroschüren gerne verschweigen. Die Infrastruktur im Anaga-Gebirge stößt an ihre Grenzen.
Am Cruz del Carmen zu parken, ist ab 10:00 Uhr morgens oft ein Glücksspiel, bei dem man meistens verliert. Die Parkplätze sind rar, und die Polizei verteilt gnadenlos Strafzettel an alle, die kreativ am Straßenrand parken. Mein dringender Rat: Seien Sie früh da. Vor 09:30 Uhr. Oder nehmen Sie den Bus (Guagua). Die Linien von La Laguna aus sind zuverlässig und sparen Ihnen eine Menge Nerven.
Und wer selber fährt: Die Straßen sind eng. Wenn Ihnen der Bus 076 oder 077 in einer Kurve entgegenkommt, heißt es: Rückwärtsgang rein und Ruhe bewahren. Hupen Sie vor unübersichtlichen Kurven kurz – das machen die Einheimischen auch so, um Gegenverkehr zu warnen.
Wohnen im Anaga? Ein Wort zur Immobilienlage
Da wir auf unserem Portal auch Immobilien anbieten, werde ich oft gefragt: „Kann ich nicht so ein altes kanarisches Haus im Anaga kaufen?“
Die Antwort ist: Jein. Es ist wunderschön, keine Frage. Die Ruhe, die Natur. Aber man darf die Feuchtigkeit nicht unterschätzen. Ein Haus im tiefen Lorbeerwald zu besitzen, bedeutet einen ständigen Kampf gegen Schimmel und Klammheit. Ohne gute Heizung oder Entfeuchter geht da im Winter gar nichts. Viele Objekte, die romantisch aussehen, haben zudem Papiere, die… nun ja, sagen wir „kreativ“ sind. Da vieles Naturschutzgebiet ist, sind Umbauten oder Renovierungen extrem streng reglementiert. Wer hier kauft, braucht Geduld und einen guten Anwalt.
Fazit: Ein Ort für die Seele, nicht für die Eile
Das Anaga-Gebirge ist kein Ort, den man auf einer „Must-See“-Liste einfach abhakt. Es ist ein Ort, der einen runterbremst. Die kurvigen Straßen zwingen zum langsamen Fahren, der matschige Boden zwingt zum bedachten Gehen, und die neblige Stille zwingt zum Zuhören.
Nehmen Sie sich Zeit. Fahren Sie nicht nur durch, um ein Foto am Mirador Pico del Inglés zu machen (auch wenn die „Schlucht“ dort natürlich beeindruckend ist). Gehen Sie in den Wald hinein. Atmen Sie diese urzeitliche Luft. Und wenn Sie dann abends mit müden Beinen und schlammigen Schuhen wieder im Hotel im Süden ankommen, werden Sie merken: Sie waren heute in einer ganz anderen Welt.

