Der Teide ist nicht einfach nur ein Berg. Wer schon einmal im Landeanflug auf Teneriffa aus dem Fenster geschaut hat, weiß genau, was ich meine. Er ist dieser gigantische Kegel, der alles andere in den Schatten stellt, und oft genug bricht er durch die Wolkendecke, als wollte er sagen: „Willkommen auf meinem Felsen.“ Mit 3.718 Metern ist er nicht nur der höchste Punkt Spaniens, sondern auch der dritthöchste Inselvulkan der Erde, wenn man vom Meeresboden misst. Aber lassen wir die Wikipedia-Fakten mal beiseite. Was den Nationalpark wirklich ausmacht, fühlt man erst, wenn man oben steht.
Ich erinnere mich noch gut an mein erstes Mal im Nationalpark. Wir kamen von der Südküste, hatten noch den Geruch von Sonnencreme und Meer in der Nase, und fuhren die kurvigen Straßen hinauf. Und dann passiert etwas Eigenartiges: Innerhalb von einer Stunde fahren Sie durch vier verschiedene Jahreszeiten. Unten subtropisch warm, dann durch den feuchten Nebelwald, die „Corona Forestal“, wo die kanarische Kiefer dominiert, und plötzlich reißt der Himmel auf. Sie sind über den Wolken. Das Licht wird gleißend hell, die Farben wechseln von Grün zu Rot, Ocker und Schwarz. Es sieht aus wie auf dem Mars. Kein Wunder, dass hier Hollywood-Filme wie „Kampf der Titanen“ gedreht wurden.
Die Anfahrt: Welcher Weg ist der beste?
Viele unterschätzen die Größe des Parks. Die Las Cañadas del Teide sind im Grunde ein riesiger Einsturzkrater (Caldera) mit 17 Kilometern Durchmesser. Es gibt vier Hauptzufahrten, und glauben Sie mir, die Wahl der Route ändert das Erlebnis komplett.
Wenn Sie im Norden wohnen, nehmen Sie wahrscheinlich die TF-21 über La Orotava. Das ist meiner Meinung nach die landschaftlich schönste Strecke, aber auch die kurvigste. Sie fahren lange durch dichten Wald, oft im Nebel (die berühmten Passatwolken), bis Sie oben schlagartig in die Sonne durchbrechen.
Kommen Sie aus dem Süden, etwa von Los Cristianos oder Las Américas, geht es meist über Vilaflor. Vilaflor ist übrigens das höchstgelegene Dorf Spaniens – ein kurzer Stopp für einen „Barraquito“ (dieser sündhaft süße Kaffee mit Likör und Kondensmilch) lohnt sich immer, bevor es in die Mondlandschaft geht.
Mein persönlicher Geheimtipp ist aber die Zufahrt über den Westen, die TF-38 von Chío. Die Straße führt direkt durch die schwarzen Lavafelder des letzten Ausbruchs von 1909 (Volcán Chinyero). Der Kontrast zwischen dem tiefschwarzen Gestein und den frischen grünen Kiefern, die sich ihr Terrain zurückerobern, ist fotogener als jede Postkarte. Hier ist meistens auch weniger Verkehr als auf den Hauptrouten.
Die Sache mit der Seilbahn (Teleférico)
Kommen wir zum Elefanten im Raum: Die Seilbahn. Ja, sie ist der einfachste Weg nach oben. Und ja, sie ist teuer und voll. Aber die Aussicht ist das Geld wert, wenn man ein paar Dinge beachtet.
Die Talstation liegt auf 2.356 Metern. Die Fahrt dauert nur acht Minuten, und die Kabine bringt Sie auf beachtliche 3.555 Meter Höhe zur Bergstation „La Rambleta“. Was Ihnen im Prospekt oft verschwiegen wird: Der Temperaturunterschied ist brutal. Unten am Strand haben Sie 28 Grad, an der Talstation vielleicht noch 15, und oben? Da kann es auch im August um den Gefrierpunkt sein, besonders wenn der Wind pfeift. Ich sehe jedes Mal Touristen in Shorts und Flip-Flops, die oben aus der Gondel steigen, fünf Minuten zittern, ein Selfie machen und sofort wieder runterfahren. Machen Sie diesen Fehler nicht. Eine Windjacke gehört in den Rucksack, egal was das Thermometer am Hotelpool sagt.
- Buchen Sie die Tickets unbedingt online und zwar Tage im Voraus. Spontan anfahren und Karte kaufen? Das war einmal. Heute stehen Sie oft vor ausverkauften Schaltern oder warten Stunden.
- Berücksichtigen Sie die Höhe. 3.500 Meter sind kein Pappenstiel. Wenn Sie Herzprobleme haben oder schwanger sind, ist das hier nicht der richtige Ausflug. Man merkt sofort, dass die Luft dünner ist. Jede Treppenstufe fühlt sich an wie zehn.
- Die Seilbahn fährt nicht immer. Bei starkem Wind (und das passiert hier oben oft) wird der Betrieb eingestellt. Checken Sie am Morgen des Ausflugs unbedingt den Status auf der Website.
Der Gipfelsturm: Warum Sie wahrscheinlich nicht ganz nach oben kommen
Viele Besucher sind enttäuscht, wenn sie oben an der Bergstation ankommen und feststellen: „Halt, hier ist Schluss?“. Ja, der eigentliche Gipfel, der „Pico“, ist noch mal gut 160 Höhenmeter weiter oben. Der Weg dorthin (Sendero Telesforo Bravo) ist streng reglementiert. Aus Naturschutzgründen – und auch zur Sicherheit, der Weg ist schmal und steil – lässt die Nationalparkverwaltung nur eine Handvoll Leute pro Tag hoch.
Sie brauchen dafür eine spezielle Genehmigung (Permiso). Diese ist kostenlos, aber sie ist so begehrt wie ein Ticket für ein Rockkonzert. Oft sind die Termine auf der offiziellen Buchungsseite der Nationalparks zwei bis drei Monate im Voraus ausgebucht. Kein Witz. Wenn Sie Ihren Urlaub planen, sollte das Reservieren dieses Slots das Erste sein, was Sie tun – noch vor dem Mietwagen.
Es gibt ein kleines Hintertürchen, das nicht mehr so gut funktioniert wie früher, aber erwähnenswert ist: Eine Übernachtung im „Refugio Altavista“. Wer dort oben schläft, durfte früher vor 9 Uhr morgens ohne Genehmigung zum Gipfel aufsteigen, um den Sonnenaufgang zu sehen. Aber Vorsicht: Die Hütte ist oft wegen Renovierung oder Pandemie-Maßnahmen geschlossen. Checken Sie den aktuellen Status sehr genau, bevor Sie darauf setzen.
Die Alternative: Pico Viejo
Ganz ehrlich? Wenn Sie keine Genehmigung für den Hauptgipfel bekommen, weinen Sie nicht. Gehen Sie stattdessen von der Bergstation nach links zum Aussichtspunkt Richtung Pico Viejo. Der Blick in diesen riesigen, farbenprächtigen Krater des „alten Gipfels“ (der eigentlich der zweithöchste Berg der Kanaren ist) ist fast noch spektakulärer als der Blick vom Teide selbst. Außerdem sieht man von dort bei klarer Sicht die Nachbarinseln La Gomera, El Hierro und La Palma wie auf dem Präsentierteller im Atlantik liegen.
Wandern im Nationalpark: Mehr als nur Lavasteine
Für Wanderfreunde ist das Gebiet ein Spielplatz der Superlative. Aber unterschätzen Sie das Gelände nicht. Lava ist scharfkantig, der Boden oft geröllig (Bimsstein), und die Sonne brennt gnadenlos, da es auf über 2000 Metern kaum Schatten spendende Bäume gibt.
Ein Klassiker für alle, die halbwegs fit sind, ist der Rundweg um die Roques de García (Sendero 3). Das dauert etwa zwei Stunden. Sie kennen das Bild bestimmt: Der „Roque Cinchado“ (früher auch „Finger Gottes“ genannt, bevor ein Teil abbrach – oft verwechselt, aber eigentlich sieht er eher aus wie ein versteinerter Baum) steht da wie ein Wächter vor dem Teide. Die meisten Touristen machen das Foto vom Parkplatz aus. Wenn Sie aber den Weg hinunter in die Ebene „Llano de Ucanca“ gehen, sind Sie plötzlich allein in einer stillen, weiten Wüste.
Zwei Dinge, auf die Sie beim Wandern achten müssen:
Wasser ist hier oben Leben. Es gibt keine Kioske auf den Wegen. Nehmen Sie doppelt so viel mit, wie Sie denken. Die Luft ist extrem trocken, man merkt gar nicht, wie viel Flüssigkeit man verliert.
Das richtige Schuhwerk ist Pflicht. Ich habe Leute in Sandalen auf den Lavafeldern stürzen sehen. Lavagestein schneidet Haut wie Rasierklingen. Feste Turnschuhe sind das Minimum, besser sind leichte Wanderschuhe.
Ein Farbenspiel der Natur: Die Tajinaste
Wenn Sie Ihren Urlaub flexibel planen können, kommen Sie im späten Frühjahr (Mai/Juni). Dann passiert im Nationalpark etwas Magisches. Die roten Wildprets Natternköpfe (Tajinaste rojo) blühen. Das sind keine kleinen Blümchen, sondern riesige, bis zu drei Meter hohe rote Kerzen, die aus der kargen Landschaft ragen. In Kombination mit dem blauen Himmel und der dunklen Lava sieht das fast surreal aus. Es ist auch die Zeit, in der die Imker ihre Bienenstöcke aufstellen – der Teide-Honig („Miel de Retama“) hat eine ganz spezielle, würzige Note.
Sterne gucken: Das Licht aus, die Show an
Der Teide Nationalpark ist eines der besten Gebiete weltweit für Astronomie. Warum? Weil wir hier oben meistens über der Wolkendecke sind („Inversionswetterlage“) und es kaum Lichtverschmutzung gibt, da die Städte weit unten liegen und durch die Wolken abgeschirmt werden. Nicht umsonst steht hier das Observatorium Izaña.
Sie brauchen kein Teleskop. Fahren Sie einfach nachts hoch (ziehen Sie sich warm an!), suchen Sie sich eine Parkbucht weit weg von der Straße und schauen Sie hoch. Die Milchstraße sieht man hier mit bloßem Auge so plastisch, dass man meint, man könnte danach greifen. Es gibt mittlerweile viele Anbieter für geführte „Stargazing“-Touren, oft inklusive Teleskopen und Sekt. Wer sich für das Weltall interessiert, für den ist das ein Muss.
Immobilien und Leben am Fuße des Vulkans
Es ist faszinierend zu sehen, wie der Vulkan das Leben auf der ganzen Insel prägt. Obwohl man im Nationalpark selbst natürlich nicht wohnen darf (es ist strenges Naturschutzgebiet), suchen viele Menschen gezielt nach Immobilien in den höher gelegenen Orten wie Vilaflor oder den oberen Zonen von La Orotava. Die Luft ist dort frischer, die Aussicht auf den Teide unverbaubar. Es hat etwas Beruhigendes – und gleichzeitig Ehrfurcht Gebietendes – diesen Riesen jeden Morgen beim Kaffeetrinken im Blick zu haben. Für die Einheimischen, die „Tinerfeños“, ist der Teide fast wie ein Familienmitglied: Manchmal grummelig, manchmal strahlend schön, aber immer präsent.
Fazit: Respekt vor dem Berg
Der Teide Nationalpark ist kein Freizeitpark, auch wenn es manchmal so voll ist. Es ist wilde, raue Natur. Begegnen Sie dem Berg mit Respekt. Nehmen Sie Ihren Müll wieder mit – auch das Taschentuch und die Obstschale (die verrotten hier oben nämlich extrem langsam). Bleiben Sie auf den Wegen. Die Pflanzenwelt hier oben kämpft hart ums Überleben, jeder Fußtritt daneben kann Jahre des Wachstums zerstören.
Egal ob Sie nur für den schnellen Aussichtspunkt hochfahren oder den Gipfel zu Fuß bezwingen: Der Teide verändert den Blick auf Teneriffa. Man begreift plötzlich, dass diese Insel im Grunde nur die Spitze eines gewaltigen Feuerbergs ist, der aus dem Atlantik ragt. Und dieses Gefühl, wenn man oben steht und auf das Wolkenmeer hinabschaut, das nimmt Ihnen keiner mehr.
