Wal- und Delfinbeobachtung auf Teneriffa

Ehrlich gesagt: Es gibt wenige Orte auf der Welt, an denen man fast eine Garantie bekommt, Wale zu sehen. Teneriffa ist einer davon. Und nein, das ist kein Marketing-Geschwätz, um Bootstickets zu verkaufen. Es liegt einfach an der Geologie.

Ich lebe und arbeite nun schon seit Jahren hier, vermittle Yachten und kenne die Küstenlinie fast besser als meine Westentasche, und trotzdem erwische ich mich dabei, wie ich jedes Mal wieder die Luft anhalte, wenn plötzlich dieser schwarze, glänzende Rücken durch die Wellen bricht. Zwischen Teneriffa und der Nachbarinsel La Gomera fällt der Meeresboden extrem steil ab – wir reden hier von Tiefen bis zu 2.000 oder sogar 3.000 Metern direkt vor der Haustür. Das schafft einen Lebensraum, der in Europa absolut einmalig ist.

Wenn Sie also Ihren Urlaub hier planen, egal ob im Ferienhaus im Norden oder im Resort im Süden, streichen Sie den Loro Parque von der Liste und gehen Sie aufs Meer. Das hier ist das echte „Wild Life“. Aber es gibt ein paar Dinge, die Sie wissen müssen, damit der Ausflug nicht zur Enttäuschung (oder zur Übelkeitsfalle) wird.

Warum Sie hier fast immer fündig werden (Die residenten Stars)

Vielleicht haben Sie schon mal eine dieser teuren „Whale Watching“-Touren in Kanada oder Norwegen gemacht und am Ende drei Stunden lang nur graues Wasser angestarrt. Frustrierend. Hier im Süden Teneriffas, im Schutzgebiet Teno-Rasca, läuft das anders. Wir haben hier eine fest ansässige Kolonie von Kurzflossen-Grindwalen (Pilotwale). Die ziehen nicht weg. Die sind immer da.

Ich habe Kunden, die fragen mich oft: „Wann ist die beste Saison?“ Die Antwort ist simpel: Heute. Oder morgen. Es ist völlig egal. Die Grindwale kümmern sich nicht um den Kalender.

Was mich persönlich an diesen Tieren fasziniert, ist ihre Art. Sie sind unglaublich entspannt. Manchmal dümpeln sie einfach an der Oberfläche, machen ein Nickerchen („Logging“ nennen das die Biologen), und ignorieren die Boote fast völlig. Es sind keine hektischen Jäger wie manche Delfinarten. Sie wirken eher wie die gemütlichen Onkel des Ozeans.

Neben den ca. 400 residenten Grindwalen tummeln sich hier auch Große Tümmler – ja, genau die „Flipper“-Delfine. Die sind schon aktiver, springen gerne mal in der Bugwelle und machen genau die Show, die alle sehen wollen.

Der seltene Besuch

Hier wird es spannend für die Glücksspieler unter Ihnen. Je nach Jahreszeit ziehen nämlich auch die Giganten vorbei. Wir haben hier schon alles gesehen:

  • Pottwale lassen sich manchmal blicken, meistens wenn sie tief tauchen, um Kalmare zu jagen. Man erkennt sie an diesem schrägen Blas, der immer nach links vorne weggeht.
  • Blauwale und Finnwale nutzen den Kanal zwischen den Inseln als Durchgangsstraße bei ihren Wanderungen. Das passiert nicht jeden Tag, aber wenn ein 25-Meter-Tier neben deinem kleinen Segelboot auftaucht, fühlst du dich plötzlich sehr, sehr klein.
  • Schildkröten (meist die Unechte Karettschildkröte) paddeln oft gemütlich vorbei. Bitte, und das meine ich ernst: Kein Plastik über Bord werfen. Die Tiere verwechseln das mit Quallen und verenden elendig.

Das richtige Boot: Falle „Touristen-Dampfer“

Okay, jetzt mal Tacheles. Da wir hier auch Yachtcharter und Bootsverkäufe betreiben, habe ich einen ziemlich genauen Blick auf das, was in Puerto Colón und Los Gigantes so los ist. Es gibt riesige Unterschiede in der Qualität der Erfahrung.

Sie finden am Hafen massenhaft diese riesigen Katamarane mit Musikbeschallung, Bier-Flatrate und 100 Leuten an Deck. Wenn Sie Party wollen: Go for it. Aber wenn Sie die Tiere *wirklich* erleben wollen, ist das meiner Meinung nach der falsche Weg. Es ist laut, es ist voll, und Sie stehen in der dritten Reihe und sehen nur Hinterköpfe statt Flossen.

Mein Rat ist immer: Suchen Sie sich was Kleineres. Ein Segelboot mit maximal 10–12 Personen verändert das Erlebnis komplett.

Warum? Weil ein Segelboot den Motor ausmachen kann. Wenn dann Stille herrscht und man nur das Atmen der Wale hört – dieses zischende Ausstoßen der Luft –, das ist Gänsehaut pur. Auf den großen Partybooten hören Sie höchstens den Bass aus den Lautsprechern.

Augen auf bei der „Blauen Flagge“

Es ist wichtig, dass wir über Ethik sprechen. Die Tiere stehen unter Stress, wenn sie von Booten gejagt werden. Achten Sie bei der Buchung unbedingt auf das Schild „Barco Azul“ (Blaues Boot). Das ist ein gelbes Flaggensymbol mit einem blauen Boot drauf.

Nur diese Boote haben die staatliche Lizenz. Sie verpflichten sich zu Regeln, die eigentlich selbstverständlich sein sollten:

  • Kein frontales Anfahren der Tiere (das wirkt aggressiv).
  • Abstand halten. Wenn die Tiere von sich aus näher kommen – super. Aber wir fahren ihnen nicht quasi in den Kofferraum.
  • Zeitbegrenzung. Nach einer gewissen Zeit muss das Boot abdrehen, um die Gruppe nicht dauerhaft zu nerven.
  • Niemals mitten durch eine Gruppe fahren und so Mütter von Kälbern trennen.

Der Kampf gegen die Übelkeit (Praktische Tipps)

Der Atlantik ist kein Baggersee. Auch wenn es am Strand von Las Américas ruhig aussieht – draußen ist Dünung. Die Kanaren liegen mitten im offenen Ozean. Ich habe schon gestandene Mannsbilder gesehen, die nach 20 Minuten grün im Gesicht über der Reling hingen. Das ruiniert Ihnen den ganzen Trip.

Hier ein paar Beobachtungen aus der Praxis, die wirklich helfen:

Nehmen Sie den Vormittag. Der Wind auf den Kanaren frischt meist gegen Mittag auf. Morgens um 10:00 Uhr ist das Meer oft noch glatt wie Öl. Ab 13:00 Uhr kommen die Wellen. Wenn Sie einen empfindlichen Magen haben, buchen Sie die erste Tour des Tages.

Vergessen Sie das Frühstück nicht, aber halten Sie es leicht. Mit komplett leerem Magen ist Seekrankheit fast schlimmer. Ein bisschen trockenes Brot oder Zwieback ist eine gute Basis. Und schauen Sie auf den Horizont, nicht aufs Handy. Sobald Sie auf dem schaukelnden Boot eine WhatsApp schreiben wollen, meldet sich das Gleichgewichtsorgan im Ohr und sagt „Gute Nacht“.

Los Gigantes: Die Kulisse macht den Unterschied

Es gibt verschiedene Startpunkte. Die meisten Boote legen in Puerto Colón (Costa Adeje) ab. Das ist praktisch, weil zentral. Aber wenn Sie die Möglichkeit haben, fahren Sie hoch nach Los Gigantes.

Die Kulisse dort ist einfach dramatischer. Die „Acantilados de Los Gigantes“ sind Felswände, die bis zu 600 Meter senkrecht ins Meer abfallen. Wenn man dort Wale beobachtet, hat man diese wahnsinnige schwarze Steinmauer im Hintergrund. Das Lichtspiel am späten Nachmittag, wenn die Sonne die Felsen rot färbt und davor die Delfine springen – das kann man kaum beschreiben, das muss man gesehen haben.

Außerdem ist das Wasser dort oft etwas ruhiger, weil die Klippen den Nordostpassat abschirmen.

Ein Wort zur Ausrüstung

Sie brauchen keine Profi-Ausrüstung, aber ein paar Dinge sollten in den Rucksack. Die Sonne ist auf dem Wasser extrem aggressiv. Durch die Reflexion verbrennt man sich in 30 Minuten, selbst wenn es bewölkt wirkt. Kopfbedeckung ist Pflicht, Sonnenbrille sowieso (am besten polarisiert, das nimmt die Spiegelung vom Wasser und man sieht die Tiere unter der Oberfläche besser).

Was Kameras angeht: Lassen Sie das riesige Stativ zu Hause. Auf einem schwankenden Boot ist das nutzlos. Schalten Sie auf kurze Verschlusszeiten, sonst haben Sie nachher nur verwischte graue Flecken auf den Bildern. Und ehrlich gesagt: Legen Sie die Kamera auch mal weg. Die besten Momente verpasst man, weil man durch den Sucher starrt.

Fazit: Ein Muss, aber mit Respekt

Die Walbeobachtung auf Teneriffa ist mehr als nur ein Programmpunkt zwischen Strand und Buffet. Es ist eine der wenigen Gelegenheiten in Europa, Großwalen in ihrem natürlichen Habitat so nah zu kommen. Für uns auf der Insel ist es ein Privileg, diese Nachbarn zu haben.

Ob Sie nun selbst ein Boot chartern oder sich einer geführten Tour anschließen – tun Sie es mit Respekt vor der Natur. Wenn Sie diese majestätischen Tiere einmal ruhig neben Ihrem Boot haben atmen hören, werden Sie verstehen, warum wir diesen Ort so lieben.