Karneval auf Teneriffa: Das zweitgrößte Fest der Welt

Vergessen Sie alles, was Sie über den deutschen Fasching wissen. Ernsthaft. Ich erinnere mich an mein erstes Jahr in Köln – es war lustig, ja. Aber als ich das erste Mal in Santa Cruz de Tenerife aus dem Bus stieg, mitten in der Karnevalsnacht, fühlte es sich an, als hätte man mich auf einem anderen Planeten abgesetzt. Einem Planeten, der komplett aus Pailletten, wummernden Bässen und sehr, sehr wenig Schlaf besteht.

Man sagt immer, der Karneval auf Teneriffa sei der zweitgrößte der Welt nach Rio de Janeiro. Ob das statistisch auf den Besucher genau stimmt? Keine Ahnung, hat wohl noch niemand nachgezählt, während er gerade von einer Samba-Truppe durch die Straßen geschoben wurde. Aber gefühlt? Absolut. Es ist ein Monster von einem Fest. Aber ein liebenswertes.

Wenn Sie planen, dieses Spektakel zu besuchen, brauchen Sie keinen Reiseführer, der Ihnen sagt, wann der Umzug startet (das steht eh überall). Sie brauchen jemanden, der Ihnen sagt, warum Sie keine teuren Schuhe anziehen sollten und wie Sie Samstagnacht um 4 Uhr morgens zurück in Ihre Unterkunft kommen.

Der Wahnsinn hat Methode: Gala vs. Straße

Viele Touristen, die ich treffe, werfen oft zwei Dinge durcheinander: Den offiziellen Teil und den Straßenkarneval. Das sind zwei völlig verschiedene Paar Stiefel.

Der offizielle Teil – das sind die Galas. Die Wahl der Karnevalskönigin („Gala de Elección de la Reina“) wird im Fernsehen übertragen. Das ist Hochglanz. Hier sehen Sie diese unglaublichen Kostüme, die eher wie fahrbare Festungswagen aussehen als wie Kleidung. Die Dinger wiegen gerne mal über 100 Kilo. Kein Witz. Die Kandidatinnen haben Räder unter den Konstruktionen, weil kein Mensch dieses Gewicht auf den Schultern tragen könnte, ohne zusammenzubrechen. Es geht hier weniger um das Tanzen, sondern darum, dieses riesige Kunstwerk aus Federn und Glitzersteinen möglichst elegant über die Bühne zu manövrieren, ohne umzukippen.

Ich habe mal Backstage eine dieser Konstruktionen aus der Nähe gesehen – das ist Ingenieurskunst. Da wird geschweißt und geschraubt. Wenn Sie Tickets für die Gala bekommen können: Machen Sie es. Es ist beeindruckend, aber es ist eine Show zum Zuschauen, nicht zum Mitmachen.

Der eigentliche Herzschlag der Insel ist aber der Carnaval de la Calle. Sobald der offizielle Startschuss gefallen ist, verwandelt sich die Innenstadt von Santa Cruz in eine einzige Tanzfläche. Es gibt keine Absperrungen, keinen VIP-Bereich. Jeder ist mittendrin.

Murgas und Comparsas: Der Soundtrack der Insel

Sie werden diese Begriffe ständig hören, also klären wir das kurz auf, damit Sie nicht ahnungslos nicken, wenn ein Einheimischer („Chicharrero“) davon schwärmt.

  • Die Murgas sind im Grunde große Chöre, die oft in Clowns-artigen Kostümen auftreten und auf Tröten (Kazoos) spielen. Aber lassen Sie sich vom lustigen Aussehen nicht täuschen. Textlich teilen die ordentlich aus. Das ist politische Satire vom Feinsten. Sie singen über Korruption, lokale Missstände oder machen sich über die Nachbarinsel Gran Canaria lustig. Auch wenn Sie kein Spanisch sprechen, spüren Sie die Energie und die Leidenschaft, mit der hier Dampf abgelassen wird.
  • Dann gibt es die Comparsas. Das ist das Rio-Element. Trommlergruppen, Tänzerinnen mit wenig Stoff und viel Federboa. Wenn eine Comparsa durch die Straße zieht, vibriert der Boden. Das ist kein atmosphärisches Gerede – der Rhythmus der Batucada-Trommeln geht direkt in den Magen. Man kann gar nicht anders, als sich zu bewegen.

Der „Carnaval de Día“: Nicht nur für Frühaufsteher

Früher war der Karneval fast rein nachtaktiv. Man ging um 23 Uhr los und kam zum Frühstück nach Hause. In den letzten Jahren hat sich der „Tageskarneval“ (Carnaval de Día) zu einem massiven Event entwickelt. Persönlich finde ich den fast noch angenehmer. Die Stimmung ist entspannter, es sind mehr Familien unterwegs, und man sieht die Kostüme tatsächlich im Sonnenlicht.

Ein Wort zur Warnung: Unterschätzen Sie die kanarische Sonne im Februar nicht. Ich habe Leute gesehen, die als „Schlumpf“ losgegangen sind und als „Hummer“ zurückkamen, weil sie dachten, im Winter braucht man keine Sonnencreme. Großer Fehler. Bei 24 Grad und direkter Sonne auf der Plaza del Príncipe brutzelt man schnell.

Mascarita Ponte Tacón: Männer, Mut und Kopfsteinpflaster

Wenn Sie in Puerto de la Cruz im Norden der Insel sind, müssen Sie sich den Stöckelschuh-Lauf der Männer („Mascarita Ponte Tacón“) ansehen. Das ist einer der witzigsten Events überhaupt.

Hunderte Männer zwängen sich in Damenkleidung und – das ist die Regel – in Stöckelschuhe, die mindestens eine bestimmte Höhe haben müssen. Damit müssen sie dann einen Hindernisparcours bewältigen. Das Problem: Die Straßen in Puerto de la Cruz haben teils altes Kopfsteinpflaster. Das Ergebnis ist ein riesiges, johlendes Chaos. Es ist herrlich unperfekt, oft stürzen die Teilnehmer (auf weiche Matten oder aufeinander), und es zeigt diesen wunderbaren kanarischen Humor, der sich selbst nicht zu ernst nimmt.

Die Beerdigung der Sardine (Entierro de la Sardina)

Am Aschermittwoch ist alles vorbei? Von wegen. Da drehen die Tinerfeños erst richtig auf, aber auf eine bizarre Art. Eine riesige Sardine aus Pappmaché wird durch die Straßen getragen und am Ende verbrannt. Gefolgt wird sie von tausenden „Witwen“.

Männer mit Bärten, in schwarzen Netzstrümpfen, Miniröcken und Trauerschleier, die theatralisch heulen und jammern. Es ist ein groteskes Schauspiel und absolut sehenswert. Es markiert das offizielle Ende, auch wenn am Wochenende danach („Piñata“) meist noch weitergefeiert wird.

Ein ehrlicher Survival-Guide für Besucher

Okay, hier kommt der Teil, bei dem ich ehrlich zu Ihnen sein muss. Karneval ist toll, aber logistisch kann es ein Albtraum sein, wenn man es falsch angeht.

  • Tun Sie sich den Gefallen und fahren Sie niemals mit dem Mietwagen direkt nach Santa Cruz rein. Parken ist zu dieser Zeit physikalisch unmöglich. Ich habe Leute gesehen, die zwei Stunden im Kreis gefahren sind. Nutzen Sie die Sonderbusse (Titan-Busse) oder die Straßenbahn. Die Tram fährt die ganze Nacht durch und ist vollgestopft mit feiernden Menschen. Das ist schon Party vor der Party.
  • Was das Kostüm angeht: Ohne Verkleidung sind Sie der Außenseiter. Wirklich. Sie fallen mehr auf, wenn Sie Jeans und T-Shirt tragen, als wenn Sie ein Bananenkostüm anhaben. Es muss nicht teuer sein. Ein paar Accessoires, eine Perücke, etwas Schminke – Hauptsache, Sie machen mit. Die Einheimischen schätzen das sehr. Wer „zivil“ kommt, gilt als Spaßbremse.
  • Trinken Sie lokales Bier (Dorada) oder einen „Cubata“ an den kleinen Kiosken (Chiringuitos), die überall aufgebaut sind. Vermeiden Sie Glasflaschen. Auf der Straße liegen später oft Scherben, daher sind feste Schuhe (keine offenen Sandalen!) Pflicht. Ihre Füße werden es Ihnen nach sechs Stunden Tanzen danken.
  • Wenn Sie eine Ferienwohnung oder ein Hotel buchen, achten Sie auf die Lage. Mitten im Zentrum von Santa Cruz werden Sie keine Sekunde schlafen. Die Musik dröhnt bis 6 Uhr morgens durch die dünnsten Fensterscheiben. Besser etwas außerhalb wohnen und reinpendeln.

Fazit

Der Karneval auf Teneriffa ist intensiv. Er ist laut, bunt und manchmal völlig chaotisch. Aber genau das macht ihn aus. Es ist diese kollektive Freude, die man spürt, wenn eine ganze Stadt einfach beschließt, für zwei Wochen den Ernst des Lebens zu vergessen.

Mein Rat: Planen Sie nicht zu viel. Lassen Sie sich treiben. Starten Sie an der Plaza Weyler, lassen Sie sich die Calle Castillo hinuntertreiben bis zur Plaza de España und schauen Sie einfach, was passiert. Wahrscheinlich werden Sie mit einer Gruppe Einheimischer enden, die Ihnen beibringen, wie man zu Salsa-Musik tanzt, während jemand neben Ihnen versucht, sein 3-Meter-Federkostüm durch eine enge Gasse zu manövrieren. Das ist Teneriffa.