Hand aufs Herz: Die meisten, die auf Teneriffa landen, biegen am Flughafen direkt nach Süden ab. Los Cristianos, Las Américas, Hauptsache Strand und Sonne satt. Santa Cruz de Tenerife, die Hauptstadt im Nordosten, lassen viele links liegen – oder haken sie hastig bei einer Inselrundfahrt ab. Ein Fehler.
Ich lebe und arbeite nun schon eine ganze Weile mit Fokus auf die Kanaren, und wenn mich jemand fragt, wo das echte Herz der Insel schlägt, sage ich immer: Hier. Santa Cruz ist keine reine Touri-Kulisse. Es ist laut, manchmal chaotisch, voller Geschichte und absurder Kontraste. Sie haben hier uralte Kolonialbauten direkt neben modernen Betonklötzen, und dazwischen wachsen Drachenbäume. Wer Teneriffa verstehen will, muss Santa Cruz gesehen haben. Aber lassen Sie den Reiseführer im Hotel; ich zeige Ihnen, was wirklich zählt.
Das Wahrzeichen, an dem sich die Geister scheiden: Auditorio de Tenerife
Man kommt nicht drumherum. Wenn Sie in die Stadt fahren, sehen Sie es sofort an der Küste liegen. Das Auditorio de Tenerife „Adán Martín“. Entworfen von Santiago Calatrava. Es sieht aus wie eine riesige weiße Welle, die gerade über das Ufer brechen will – oder wie der Helm eines futuristischen Kriegers, je nachdem, wen man fragt.
Ehrlich gesagt: Von außen ist es spektakulärer als von innen. Wenn Sie kein Ticket für ein Konzert haben (und die Akustik ist tatsächlich brillant), sparen Sie sich die Führung und laufen Sie lieber drumherum. Der beste Spot für ein Foto ist nicht direkt davor, sondern von der schwarzen Mole aus, dort wo die Felsen mit den aufgemalten Gesichtern berühmter Musiker liegen.
Ein kleiner Tipp am Rande: Direkt neben diesem futuristischen Riesen steht das Castillo de San Juan Bautista, eine kleine, schwarze Festung aus dem 17. Jahrhundert. Dieser harte Kontrast zwischen High-Tech-Architektur und alter Verteidigungsanlage gegen Piraten fasst die Stadt eigentlich perfekt zusammen.
Der Bauch der Stadt: Mercado de Nuestra Señora de África
Vergessen Sie Supermärkte. Wenn Sie wissen wollen, wie Teneriffa schmeckt, gehen Sie in die „La Recova“, wie die Einheimischen den Markt nennen. Es ist nicht einfach nur eine Markthalle; das Gebäude sieht mit seinen Torbögen und dem Innenhof eher aus wie eine nordafrikanische Festung.
Gehen Sie morgens hin, am besten vor 10 Uhr. Danach schieben sich die geführten Touri-Gruppen durch die Gänge. Um 9 Uhr ist es noch das Reich der „Chicharreros“ (so nennen sich die Einwohner von Santa Cruz).
- Unten im Fischbereich riecht es intensiv nach Meer, und es wird geschrien. Die Fischhändler preisen ihren Fang in einer Lautstärke an, die in Deutschland wahrscheinlich als Lärmbelästigung gelten würde. Hier ist das pure Lebensfreude.
- Suchen Sie nach dem Stand mit den kanarischen Käsesorten. Lassen Sie sich ein Stück almogrote (eine scharfe Käsepaste) zum Probieren geben. Vorsicht, das Zeug macht süchtig.
- Kaufen Sie Gewürze nicht in den schicken Geschenkpackungen vorne am Eingang. Gehen Sie tiefer rein, dort wo die Ware lose in Säcken steht. Safran, Paprika, Mojo-Mischungen – die Qualität ist um Welten besser und kostet die Hälfte.
Kultur ohne Staub: TEA und MUNA
Ich bin eigentlich kein großer Museumsgänger, wenn draußen 25 Grad sind, aber Santa Cruz hat zwei Orte, die Sie wirklich sehen sollten. Und sie liegen praktischerweise fast nebeneinander, nur getrennt durch die Barranco-Schlucht (und verbunden durch die Puente de Serrador).
TEA (Tenerife Espacio de las Artes)
Das TEA ist nicht zu übersehen. Ein dunkelgrauer Betonbau mit vielen kleinen Glasfenstern, die wie Pixel aussehen. Drinnen finden Sie zeitgenössische Kunst, aber das Highlight ist für mich die Bibliothek. Sie ist 24/7 geöffnet (zumindest in Klausurphasen), lichtdurchfluteter als jedes Wohnzimmer und hat eine Atmosphäre, die einen sofort runterbringt. Selbst wenn Sie keine Kunst mögen: Das Gebäude selbst ist ein Erlebnis. Laufen Sie einmal durch den Innenhof, der eigentlich ein öffentlicher Weg ist.
MUNA (Museo de Naturaleza y Arqueología)
Hier wird es morbid. Das MUNA ist weltbekannt für seine Sammlung von Guanchen-Mumien. Die Ureinwohner der Kanaren hatten ausgefeilte Techniken zur Einbalsamierung, lange bevor die Spanier kamen. Es ist faszinierend und ein bisschen gruselig, diesen gut erhaltenen Körpern gegenüberzustehen. Das Museum befindet sich in einem alten zivilen Krankenhausgebäude – allein die Architektur des Innenhofs mit den Holzbalkonen lohnt den Eintritt. Nehmen Sie sich hierfür mindestens zwei Stunden Zeit, die Geschichte der Inselvulkane wird hier auch sehr anschaulich erklärt.
Grüne Lungen und Shopping-Meilen
Santa Cruz kann heiß und stickig sein, besonders im Sommer, wenn der Verkehr sich staut. Dann flüchten alle in den Parque García Sanabria. Er ist riesig. Sie finden hier exotische Pflanzen, die bei uns nur im Gewächshaus überleben würden, Skulpturen internationaler Künstler versteckt im Gebüsch und natürlich die berühmte Blumenuhr.
Ich setze mich dort gerne mit einem Buch in die Nähe des Brunnens im Zentrum. Es ist der einzige Ort in der Stadtmitte, wo man den Verkehrslärm fast gar nicht mehr hört.
Vom Park aus können Sie dann direkt in die Shopping-Zone eintauchen. Die Calle del Castillo ist die Hauptader. Ja, hier gibt es Zara und Mango wie überall auf der Welt. Interessanter sind aber die Seitenstraßen. In der Gegend um die Calle de la Noria und nahe der Kirche Iglesia de la Concepción finden Sie kleine Boutiquen und vor allem: Restaurants.
Bezüglich Essen: Meiden Sie die Lokale direkt an der Plaza de España, wo Ihnen die Speisekarte mit Fotos vor die Nase gehalten wird. Gehen Sie lieber in die Calle de la Noria. Abends verwandelt sich die Straße in eine einzige große Terrasse. Probieren Sie dort „Papas arrugadas“ mit Mojo und vielleicht einen frischen Fisch.
Plaza de España: Der See, der keiner ist
Sie werden automatisch hier landen, es ist der zentrale Platz am Hafen. Vor ein paar Jahren wurde er komplett umgestaltet. Jetzt gibt es dort einen riesigen künstlichen See (eigentlich eher eine sehr flache Pfütze), der bei Flut angeblich basierend auf dem Meeresspiegelstand gefüllt wird. Ein nettes Fotomotiv, tagsüber aber oft brütend heiß, da es kaum Schatten gibt.
Was viele übersehen: Unter dem Platz liegen die Ruinen des Castillo de San Cristóbal. Es gibt einen unscheinbaren Eingang, der in den Untergrund führt. Dort unten können Sie die Reste der alten Wehrmauern sehen und die berühmte Kanone „El Tigre“. Der Legende nach hat diese Kanone 1797 dem britischen Admiral Nelson den rechten Arm weggeschossen, als er versuchte, Santa Cruz zu erobern. Die Einheimischen sind darauf bis heute stolz wie Bolle. Eintritt ist frei – schauen Sie mal kurz rein, es ist angenehm kühl da unten.
Karneval: Wenn die Stadt durchdreht
Ich muss das erwähnen, auch wenn es saisonabhängig ist. Der Karneval in Santa Cruz gilt als der zweitgrößte der Welt nach Rio de Janeiro. Und das ist keine Übertreibung. Wenn Sie im Februar hier sind: Ziehen Sie sich warm an (nachts wird es kühl) und besorgen Sie sich ein Kostüm. Ohne Verkleidung fallen Sie unangenehm auf.
Es ist kein organisierter Umzug wie in Deutschland, wo man am Rand steht und Bonbons fängt. Es ist eine massive Straßenparty. Die ganze Stadt vibriert wochenlang. Wenn Sie Menschenmassen hassen, machen Sie in dieser Zeit einen großen Bogen um die Hauptstadt. Wenn Sie feiern wollen: Willkommen im Paradies.
Praktische Tipps für Ihren Besuch
Damit der Ausflug kein Stressfaktor wird, hier ein paar Dinge, die ich über die Jahre gelernt habe:
- Parken ist in Santa Cruz der absolute Endgegner. Kreisen Sie nicht stundenlang durch die engen Gassen auf der Suche nach einer blauen Linie. Fahren Sie direkt ins Parkhaus am „Intercambiador“ (dem Busbahnhof) oder unter der Plaza de España. Ja, das kostet ein paar Euro, aber es spart Ihnen Nerven und Kratzer am Mietwagen.
- Die Straßenbahn (Tranvía) ist genial. Wenn Sie in La Laguna wohnen oder parken, nehmen Sie die Bahn runter nach Santa Cruz. Die Fahrt ist günstig, die Aussicht beim Runterfahren nett und Sie landen mitten im Zentrum.
- Sonntags ist die Stadt wie ausgestorben. Die Geschäfte (außer am Hafen manchmal für Kreuzfahrttouristen) sind zu. Wirklich zu. Planen Sie Ihren Shopping-Trip für unter der Woche oder Samstagmorgen.
- Trinken Sie einen „Barraquito“. Das ist die lokale Kaffeespezialität mit Kondensmilch, Likör, Zitrone und Zimt. Den besten gibt es oft in den unscheinbaren Bars, wo alte Männer Domino spielen, nicht in den Hipster-Cafés.
- Der Strand Las Teresitas liegt nicht direkt in der Stadt. Er ist etwa 7-8 Kilometer nördlich im Dorf San Andrés. Mit dem Bus (Linie 910) sind Sie vom Zentrum aber in 20 Minuten dort. Der goldgelbe Sand ist übrigens importiert – direkt aus der Sahara.
Fazit: Mehr als nur ein Stoppover
Santa Cruz de Tenerife ist vielleicht nicht die „schönste“ Stadt im klassischen Sinne. Sie hat Ecken und Kanten, Bausünden und Verkehrsprobleme. Aber sie hat Charakter. Sie ist authentisch spanisch-kanarisch, kosmopolitisch und tief entspannt zugleich.
Mein Rat: Planen Sie mindestens einen ganzen Tag ein. Starten Sie morgens im Markt, spazieren Sie durch die Altstadt, essen Sie gut zu Mittag und lassen Sie den Tag am Auditorio ausklingen, wenn die Sonne das weiße Gebäude in orangefarbenes Licht taucht. Es lohnt sich.

